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Full text of "Botanische Briefe"

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In der Buchhandlung von 


Carl Gerold & Sohn in Wien 


ist zu haben: 


Dietl, Ferd. Adolf, Taschenbuch zur leichten und schnellen Namensb« - 
stimmung sämmtlicher im Kronlande Steiermark kultivirten Reben- 
sorten, nebst erschöpfender Nachweisung über jede ein: Ine Sorte, 
mit Benützung der besten Werke des In- und Anuslandes und eigner 
10jährigen Beobachtungen und Erfahrungen. Mit 4 Ste.n "ı ıcktafeln. 
8. 1850. geh. dee; 9 Ngr. 


Dolliner, G., Enumeratio plantafum phanerogamicarum in A» 
erescentinm. 8. maj. 1842. br. 1. 1.28 rt 


Endlicher, Stephan, Catalogus horti academiei Vir: "es 
12. maj. 1834 br. 2 8, ICE 
—. — die Medizinal- Pflanzen der österre:chischen ‚> rLırıc, 
Handbuch für Aerzte und Apotheker. gr. 8. 1842. br. 
58. 
— — und Franz Unger, Grundzüge der Botanik. 
5 fl. 


Höss, Fr., gemeiufassliche Anleitung, \ie Bäume und Ströu 1 er 
aus den Blättern zu erkennen. Zum Selbstunterr'chte en 
Mit 10 Kupfertafeln. 16. 1830. geb. 2 fl. 30 kr. — Rh. 


— -—— das Nöthigste über den innern Bau der Organe un] ı e 
tigere Verrichtungen in Holzgewächsen. gr.8. 1833. 30kr. — 6 


Linnaei, Caroli, epistolae ad Nicolaum Josephum Jacqun ex au 
edidit Car. Nie. Jos. Eques a Schreibers C.F. Prae” “us esı 
adjecit Stephanus Endlicher. 8. maj. 1841. br. 

In Aseckr — Rı ua 


Lindley, John, Theorie der Gärtnerei, oder Versuch, di vcız 
Verrichtungen in der Gärtnerei nach physiolog. Grundsätzen =. e 
klären. Aus dem Englischen übersetzt von C.G. Mit einer Vorredı 
Anmerkungen und einem Anhange versehen von einigen Freundei 
der Hortikultur. 2. Aufl. gr. 8. 1847. br. 2 fi. 40 kt. — 2 Rt 


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Paradisus Vindobonensis. Auswahl von seltenen und schönblühenden 
Pflanzen der Wiener Gärten und verschiedenen andern interessanten 
Naturgegenständen in naturgetreuen Abbildungen von A. Hurtiger, 
erläutert von St. Endlicher und Ed. Fenzl. 1. Band mit 60 
colorirten Kupfertafeln. Imp.-Fol. 1847. 80 Rth. 
2. Band. 1.—4. Heft a 4 Rth. 


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Botanische Briefe. 


Von 


D" FE UNGER. 


LIBRARY 
NEW YORK 
BOTANKAL 


WIEN. 
Verlag von Carl Gerold & Sohn. 


1852. 


An 
meinen Freund S. L. 


in 2. 


"LIBRARY 
NEW YORK 
BOTANKCAL 


Lieber Freund! GaRD: 


Auch im geistigen Leben herrschen, wenn ich 
auch nicht sagen will — Instinkte, wenigstens Nöthi- 
gungen, denen man sich vergeblich zu entschlagen 
sucht, wenn ihre Reife eingetreten ist. 


Eine solche Nöthigung ist es unter andern, die 
uns von Zeit zu Zeit antreibt, nachdem wir in ver- 
schiedenen Richtungen mit unseren Gedanken vorwärts 
gedrungen, und uns in Einzelheiten verloren haben, 
wieder umzukehren, und das auf mannigfaltigen We- 


gen Gewonnene zu sammeln, es zurecht zu legen und 


uns darüber zu erfreuen. 


Dieses Bedürfniss fühlend, bin auch ich wieder 


einmal von vereinsamten Pfaden der Wissenschaft, die 


A 


ich, unbekümmert um das Nebenliegende, verfolst 
habe, zurückgekehrt, um zu sehen, wo ich mich ei- 
gentlich befinde, und wie weit ich wohl in dieser oder 
jener Richtung vorgedrungen sein mochte. Das Er- 
gebniss dieser wissenschaftlichen Selbstschau 
liegt hier vor Dir. 


Tausend Dinge haben sich seit einer Reihe von 
Jahren daran geknüpft, sind damit verwachsen, so 
dass ich wohl sagen kann, es ist mir dieser mehr 
durch Zufall als durch Absicht herbeigeführte Erguss 
nicht blos zu einer Verstandes-, sondern zugleich zu 
einer Herzensangelegenheit geworden. 


Du bist es, lieber Freund, der von manchem 
meiner erfolgreichen Schritte im Gebiete der Natur- 
wissenschaften Zeuge war, der vielleicht unbewusst 
dazu meine Kräfte anfeuerte und unterstützte, — Du 
bist es, ich mag es nicht verhehlen, dem auch meine 
Irrfahrten nicht unbekannt geblieben sind. An wen 
andern könnte ich wohl diese Blätter richten, als an 
Dich, — wer wird sie besser verstehen, milder beur- 
theilen, als Du? 

‚Ich habe zwar in einer Weise zu Dir gesprochen, 
die man vielleicht unphilosophisch nennen könnte, und 
Dir gegenüber am allerwenigsten passend ist; allein 
da ich an diesem Gespräche auch Andere Theil neh- 


VII 


men lassen wollte, namentlich solche, die nicht mit 
dem Zunftnamen eines Botanikers prunken, so habe 
ich mich einer Ausdrucksweise bedient, die keinem 
Gebildeten fremd sein wird, und ihn gewisser Massen 
tändelnd in die Esoterik der Pflanzenkunde 


f 


einzuführen gesucht. 


Wärest Du wie in einer früheren glücklichen Zeit 
um mich, so hätten wir das, wie es so oft geschehen, 
in peripatetischer Weise abgethan. Die Entfernung 
von Dir, und das Bestreben, dieselbe wenigstens für 
Augenblicke zu nichte zu machen, haben mir die Fe- 


der in die Hand gegeben. 


Im Schatten traulicher Wälder, zwischen den Blu- 
men der Felder, auf freundlichen Höhen, fluthen die 
Gedanken und Gefühle anders, als zwischen den been- 
genden Mauern und im Geräusche zerstreuender Be- 
schäftisungen, daher Du in diesen Briefen manches 
vermissen wirst, was eine tiefere Fülle und einen hö- 
heren Schwung der Gedanken beurkundet. Dass aber 
auch manches zu leicht berührt, zu aphoristisch be- 
handelt und daher der gemeinsamen Auffassung viel- 
leicht sogar entzogen ist, könnte mir allerdings zum 
Vorwurfe gereichen, wenn ich überhaupt hierbei die 
Absicht verrathen hätte, ein Compendium der Pflan- 


zenkunde zu schreiben, als vielmehr eine Skizze dieser 


VII 


Wissenschaft zu entwerfen, wie sie in diesem Augen- 
blicke vor meinem Geiste schw t. — | 

Welche erfreuliche Hof zen ich von den Na- 
turwissenschaften überhaupt für die allgemeine Bil- 
dung des Menschcı.‚2schlechtes hege, mag der ab- 
strakte Denker dem vorzugsweise mit der sogenannten 
materiellen Seite der Natur Vertrauten ‘u Gute halten. 
Dies Bestreben, was ich als eines von der Zeit her- 
vorgerufenes betrachte, verdient jedenfalls Beachtung, 
ja selbst die Unterstützung des Philosophen. 

Auf welchem Wege wir aber immerhin fertschreiten 
wollen, wird es an Selbsttäuschungen noch lange nicht 
fehlen, und wenn auch der Naturforscher eher geneigt 
ist, das Ufer des unbegrenzten Oceans dort zu suchen, 
wo sich auch nur ein Nebelstreifen zeigt, so hat ja der 
Philosoph nur zu oft dasselbe Schicksal mit ihm ge- 
theilt, wähnend einen festen Ankergrund erfasst zu ha- 


ben, wohin ihn bloss der Drang seines Schmerzes trieb. 


Im Februar 1852. 


INHALT. 


Seite 
Erster Brief. — Bestimmung der Botanik ......... se. snecceece 1 
Zweiter Brief. — Die Flementartheile der Pflanze... ..........» 8 
Dritter Brief. — Genesis der Zelle...........--.ecncenereenuee 22 
Vierter Brief. — Verkittung der Zellen, Veränderungen in Folge 
res Wachsthumes’ .. ir se.eocdstessone some nun eeanaeiee ns a hne 29 
Fünfter Brief. — Chemismus der Pflanze ......-.srseeeucnuennns 38 
Sechster Brief. — Aufnahme und Vertheilung der Nahrungsstoffe, 
Ausscheidung des Wassers ......o-.sssesseoenennnnsunrnne nenn 48 
Siebenter Brief. — Assimilationserscheinungen ........rrr 4.0: . 96 
Achter Brief. — Gestaltung der Pflanze. Grundorgane... .....+: 62 
Neunter Brief. — Die Pflanze als beblätterte Achse ........  , 
Zehnter Brief. — Blattformationen ......+.....-.urne=-rnenanere 75 
Eilfter Brief. — Architektonik. Phyllotaxis..........-- RR RER 84 
Zwölfter Brief. — Fortpflanzung ........2rrerensserneencnnnene 96 
Dreizehnter Brief. — Sprossbildung. Generationswechsel........ 109 


Vierzehnter Brief. — Einheit der Gattung und der höheren Ka- 


a us nn nen nn ae en ne ei 119 


X 


Fünfzehnter Brief. — Das Pflanzenreich in seiner räumlichen Aus- 


dehnung. (Geographie der Pflanzen)... .....ocrocoooscoonuss . 128 
Sechzehnter Brief. — Das Pflanzenreich in seiner zeitlichen Er- 

scheinung. (Geschichte der Pflanzenwelt) ........2.cecccoene0on 139 
Siebenzehnter Brief. — Wesen der Pflanze. — Anknüpfung an | 

die »Schöpfunesideesp seen. Bee Are ee naeleteseie Aa PER. 


ERSTER BRIEF. 
BESTIMMUNG DER BOTANIK 


Es ist nicht in Abrede zu stellen, dass die Naturwissen- 
schaften sich dermalen vor allen andern auf der Arena intel- 
lektueller Fähigkeiten in den Vordergrund drängen und vor- 
zugsweise die Richtung des Weges bezeichnen, den der 
menschliche Geist in seiner Entwicklung einzuschlagen ver- 
sucht. Diese Wissenschaften hängen dabei so innig an einan- 
der, unterstützen und durchdringen sich so vielfältig, und 
vergrössern auf solche Weise ihr Kraftmoment so sehr, dass 
man wahrlich Mühe hat zu zweifeln, sie würden in ihrer Ver- 
einigung und auf der betretenen Bahn nicht eher zu einem 
erheblichen Resultate gelangen, als es nach anderen Richtungen 
hin bisher der Fall war. 

Die Erforschung der Natur und ihrer Wirksamkeit ist 
überdies ein so erhabenes Feld geistiger Gymnastik, dass es 
dem frischen, unverdorbenen Sinne die angemessenste Uebung 
und die zweckmässigste Vorschule erhöhter Kraftanwendung ist. 

Wenn die Menschheit auf ihrem bisherigen Gange der 
Kultur die Naturwissenschaften mehr abseits liess, oder wo 
sie dieselben aufnahm mit vielen fremdartigen Elementen durch- 


webte, so liegt das vielleicht eher in der Hast, womit sie 


Botanische Briefe, 1 


2 


das Ziel ihres Denkens und Trachtens zu erreichen suchte, 
als in dem Mangel der Ueberzeugung, dass die Lösung schwie- 
rigerer Probleme jener der einfacheren weichen müsse. 

Indess haben sogar auch jene Kenntnisse, die sich mit 
der allereinfachsten Auffassung der Natur nach ihrer körper- 
lichen Seite befassten, dasselbe Loos mit allen übrigen Natur- 
wissenschaften getheilt, so dass man gestehen muss, dieselben 
seien nicht weniger denn diese als Kinder der jüngsten Zeit 
zu betrachten. 

Mineralogie, Botanik und Zoologie stehen diesfalls ganz 
auf gleicher Stufe. Was sie sind, sind sie erst in letzterer 
Zeit geworden. — Möge es mir erlaubt sein die zweite der 
genannten Wissenschaften, nachdem mehrere andere Natur- 
wissenschaften vor dem grösseren Publikum bereits ihre Ver- 
treter fanden, zu besprechen, sie nach ihrem dermaligen Ge- 
halte etwas näher zu prüfen, und zu zeigen, wie sie sich im 
Verbande nicht nur ihrer nächsten Stammverwandten, sondern 
selbst im Kreise aller übrigen Naturwissenschaften ausnimmt. 
Die Theilnahme, welche man allenthalben der scientia amabilis 
von jeher schenkte, mag es entschuldigen, wenn ich dieselbe 
— natürlich in ihrem neuesten Sonntagsgewande — vorzufüh- 
ren mir erlaube. 

Wenn man der Bestrebungen gedenkt, welche vorzüglich 
in den letzten Decennien eine Menge von Naturforschern be- 
seelten, sich über den Umfang und die Ausdehnung des Be- 
reiches der Gewächse, über ihren Gestaltenreichthum, über das 
organische Getriebe, ja selbst über ihre verschiedenen Schö- 
pfungsphasen Aufklärung zu verschaffen, so kann man den 
Fortschritt der botanischen Wissenschaft nicht anders als einen 


3 


sehr erfolgreichen bezeichnen. Zu diesem günstigen Resultate 
haben allerdings nicht bloss Botaniker im engeren Sinne des 
Wortes beigetragen, sondern gewiss eben so viel Physiker, 
Chemiker, Geognosten, Geologen u. s. w. Von vielen Seiten 
haben sich nicht bloss neue Fragepunkte herausgestellt, an 
die man früher gar nicht dachte, sondern sie haben auch theil- 
weise ihre Lösung gefunden, oder dieselbe ist doch wenigstens 
auf das Zweckmässigste eingeleitet worden. Die bescheidenen 
Anforderungen, die man ehedem an einen Pflanzenkundigen 
stellte, haben sich bedeutend erweitert, und die alleinige Be- 
kanntschaft mit der Coiffure, Uniform, Rang und Würde der 
Nachkommenschaft der fruchtbarsten Göttin Griechenlands, die 
noch zu Linnde’s Zeiten den Schlussstein aller botanischen 
Erudition bildete, ist bei dem vielfältigen Umbaue dieses wis- 
senschaftlichen Gebäudes eher bei Seite geschafft oder für die 
fundamentalen Anlagen, und das nur im beschränkten Sinne, 
benutzt worden. 

Das Pflanzengebäude der Neuzei- ist daher nach einem 
ganz veränderten Plane ausgeführt und hat daher auch eine 
von der früheren ganz verschiedene Richtung und Bestimmung 
erhalten. 

Wenn auch die Anforderungen an die nominelle Kennt- 
niss der Pflanzen vorläufig dieselben geblieben sind, wenn 
die Unterscheidung derselben bei dem fort und fort wachsen- 
den Materiale und immerwährend vor sich gehenden Ent- 
deekungen neuer Formen ohne Einhalt fortgeführt und die 
Enrolirungsregister in gutem Stande erhalten werden müssen, 
so hat doch diese Beschäftigung seit geraumer Zeit nicht aus- 


schliesslich alle Thätigkeit der Botaniker in Anspruch genom- 
1* 


4 


men. Durch zweckmässige Vertheilung der Arbeit ist es so- 
gar möglich geworden, dass einige derselben wohl gar daran 
denken konnten, was es denn mit den Dingen, die man Pflan- 
zen nennt, eigentlich für Bewandtniss habe, worin ihr Leben 
und Weben bestehe, was sie an die Aussenwelt knüpfe und 
was endlich ihre Bestimmung im grossen Haushalte der Na- 
tur wohl sein dürfte, — Fragen, die weit über den bisherigen 
Horizont der Botanik lagen. 

So wie man sich aber diesen Untersuchungen über die 
Natur der Pflanzen hingab, war auch der Uebertritt in ein 
anderes Gebiet von selbst erfolgt. Allein so lange diese Fra- 
gen in ihrer Allgemeinheit gestellt blieben, waren die Ant- 
worten darauf nicht viel mehr als abstrakte, unsichere Träu- 
mereien; erst nachdem man angefangen hat, sie in ihre ein- 
zelnen Probleme aufzulösen, das Allgemeine von dem Beson- 
deren zu trennen, konnte ein günstiger Erfolg nicht lange auf 
sich warten lassen. Diese glückliche Wendung der Botanik 
gehört erst der jüngsten Zeit an, und der Erfolg ihrer Bestre- 
bungen ist in dem Masse gesichert, als sie eine Physik des 
Pflanzenorganismus zu werden trachtet. 

Wie weit man noch von diesem Ziele entfernt ist, zeigt 
auch schon die flüchtigste Durchmusterung der botanischen 
Literatur, in der es zwar nicht an voluminösen Werken, einen 
ganzen Bibliothekssaal auszutäfeln, dabei aber an einem Büch- 
lein fehlt, in welchem auch nur die gewöhnlichsten Erschei- 
nungen des Pflanzenlebens auf eine einigermassen befriedigende 
Weise erklärt wären. Was Tausende von Pflanzenfreunden 
aller Zonen, was Reisende aus den entlegensten Winkeln der 


Erde an Pflanzenschätzen nicht selten mit Aufopferung ihres 


Lebens, in Museen, Pflanzengärten u. s. w. zusammenge- 
schleppt, was der sorgsame Fleiss gesichtet und geordnet, 
alles das kann immerhin nur als ein Material für eine erst zu 
unternehmende wissenschaftliche Erforschung betrachtet wer- 
den. Nicht anders ist es mit den Erfahrungen, welche die 
Beschäftigung mit der Kultur der Pflanzen, sei es nach dieser 
oder jener Richtung, bisher erworben hat. Weder die Land- 
wirthschaft noch die Forstkultur, weder Obstzucht noch Gar- 
tenbau ist bis jetzt über die dürftigste Empirie hinausgekom- 
men, und nehmen leider noch Zeit und Kräfte in Anspruch, 
die einer vortheilhafteren Verwendung fähig wären. Doch wa- 
rum wundern wir uns hierüber, da wir uns doch eingestanden 
haben, selbst über die einfachsten Vorgänge im Pflanzenleben 
noch im Dunkeln zu sein. Seit wann wissen wir denn, und 
das nur beiläufig, wie sich die Pflanze ernährt, wie sie wächst, 
sich vermehrt und fortpflanzt? Kennen wir auch nur von 
einem einzigen Gewächse die schrittweise Veränderung ihrer 
Form und Beschaffenheit von dem Anfangspunkte ihres Wachs- 
thumes bis zur Vollendung ihrer Dauer? Ist nicht auf die- 
sem grossen Felde wissenschaftlicher Erkenntniss für den Bo- 
taniker eben so viel zu thun, als für den Geographen im In- 
nern Afrika’s und Australien’s ? 

Doch wir wollen bei dem, was wir vor uns liegen sehen, 
nicht mit Verachtung nach rückwärts blicken, wir wollen 
nicht undankbar sein gegen unsere Vorgänger, sondern uns 
ihrer Vorarbeiten, so mangelhaft sie auch sein mögen, er- 
freuen, und dabei bedenken, dass wir nur durch dieselben 
einen sicheren Schritt weiter zu thun im Stande sind. Ohne 
Zweifel ist schon viel gewonnen in einer unbekannten Gegend 


6 


auch nur orientirt zu sein, nicht weniger ist es eine Erspar- 
niss an Zeit und Kraft, dort nicht einen Ausweg versuchen 
oder erzwingen zu wollen, wo er nicht möglich ist. Alles 
dies ist bereits geschehen. Wir stehen durch die Gewältigung 
der Masse auf freiem Boden. Sind wir dabei auch wieder zu 
dem Punkte zurückgekehrt, von dem wir ausgingen, so ist 
doch das drückende Gefühl einer unbezwingbaren Macht vor- 
über, und wir sind nun im Stande mit erneuter Kraft an das 
vorgesetzte Ziel zu gehen. 

In diesem Vor- und Rückblicke auf das bereits Errungene 
und das was unserem Geiste auf diesem Felde noch zu er- 
obern bevorsteht, will ich nun versuchen, Ihnen meine geehr- 
ten Leser das Pflanzenleben, sowohl im Einzelnen, als in sei- 
ner ganzen Ausdehnung, in der es einen Theil der Lebens- 
erscheinungen unseres Planeten bildet, zu schildern. 

Die Pflanze als das künstlichste chemische Laboratorium, 
die sinnreichste Einrichtung für das Spiel physischer Kräfte, 
als den einfachsten und dennoch grossartigsten Bau, den je 
ein Architekt ersonnen und ausgeführt, so wie die Ausdeh- 
nung und Verbreitung dieses aus unendlich vielen Theilen 
bestehenden Bauwerkes im Grossen, die Einheit des Styles 
und seine Entwicklung in der Zeit, dies alles sind Gegen- 
stände, welche ich nach und nach in einzelnen Briefen Ihnen 
vorzuführen mir erlaube. 

Mit dem. Einfacheren beginnend soll die Zurückführung 
dieses komplicirten Baues auf die einzelnen Elemente den Aus- 
gangspunkt aller unserer Betrachtungen bilden, von welchen 
aus wir die Konstruktion der Objekte, die ihrer Mannigfaltig- 


keit zum Grunde liegenden Pläne verfolgen wollen, und in- 


T 


dem wir überall dieselbe Einheit wieder treffen, zuletzt in 
einer höheren Auffassung wieder zu dem Elementaren zurück- 
kehren. 

Mögen Sie Lust und Ausdauer genug besitzen, mir auf 
dem eben bezeichneten Gange, der zwar zu den vielbetretenen 
aber leider zu den wenig bekannten gehört, zu folgen, und 
dabei nicht ermüden, wohl aber an geistiger Kraft gewinnen, 


ZWEITER BRIEF. 
DIE ELEMENTARTHEILE DER PFLANZE. 


Keiner, der auch nur einigermassen sein geistiges Auge 
bei Betrachtung von Naturgegenständen geübt hat, wird die 
Pflanze als ein blosses Haufwerk von Blättern, Stengeln, Blü- 
then u. dgl. ansehen, in welchem der Zufall Gestalt, Farbe, 
Beschaffenheit der Substanz u. s. w. hervorgebracht und hie- 
her und dorthin vertheilt hat. Eine regelmässige Aufeinander- 
folge der einzelnen Theile, eine gewisse Norm ihrer Au bil- 
dung und Einheit der Form und des Kolorits muss Jedem 
auffallen, der auch nur eine einzige Pflanze aufmerksam be- 
trachtet und ihre Theile unter einander verglichen hat. Es 
kann ferner nicht fehlen, dass er von selbst zur Ueberzeugung 
einer Planmässigkeit gelangt, die allen dem zum Grunde liegt 
und dass er diese ohne weitere Anleitung sehr treffend schon 
in der Anordnung der kleinsten Theile suchen wird, 
die am Ende alle Pflanzen zusammensetzen. 

Lassen Sie mich nun, meine Leser, bevor wir weiter in 
der Betrachtung gehen, ein wenig bei diesen kleinsten Thei- 
len der Pflanze, bei diesen Bausteinen verweilen, wodurch 
sie sich selber aufbaut, die ihr Festigkeit und Dauer, Zweck- 


9 


mässigkeit und Schönheit verleihen, und ohne welche ihr Be- 
stehen durchaus unmöglich wäre. 

Diese kleinsten Theile, die wir hier berücksichtigen wol- 
len, sind indess nicht von der Art, dass sie etwa in das 
Bereich kaum wahrnehmbarer Massentheilchen, in das Reich 
der Atome gehören, im Gegentheile sind dieselben stets von 
einem bestimmten Umfange, von einer wohl zu unterscheiden- 
den Gestalt, und obgleich nicht immer dem freien Auge er- 
reichbar, doch mit dem bewaffneten gar wohl ja selbst bis 
auf die kleinsten untergeordneten Einzelheiten zu erkennen. 
Aber nicht bloss in der Anordnung und Zusammenfügung die- 
ser Elementartheile liegt die grosse Kunst und Meisterschaft, 
die wir an dem Pflanzenbau bewundern, sie liegt noch viel- 
mehr in diesen Mitteln selbst. Was kann es wohl Künstliche- 
res, tiefer Durchdachtes, im kleinsten Raume Grossartigeres 
geben als eine Zelle. Ein zartes, dem freien Auge unsicht- 
bares Bläschen über einen Kern von halb flüssigen halb festen 
Substanzen in einem Falle ('), und ein hohler Bis 
von einer zuweilen fast steinharten Haut um- 
schlossenen Raum im anderen Falle, eines 
aus dem anderen allmälig hervorgehend. Wie 
leicht wird es der Pflanze, durch zweck- 
mässige Vertheilung dieser an Festigkeit so 


ungleichen Elemente die einen da- die ande- 


ren dorthin zu verwenden, wo sie dieselben 
eben bedarf, und wie leicht ist es nicht eben dadurch einer- 
seits Festigkeit und Dauer, anderseits einen stetigen Fort- 
— \ 


1. 


Fig. 1. Eine rundliche etwas abgeplattete Zelle mit ihrem Inhalte, der durch 
die zarte, durchscheinige Haut derselben zum Theile bemerkbar ist, stark 
vergrössert. 


10 


bau, d. i. das Wachsthum, möglich zu machen. Die Fa- 
sern, die wir zur Leinwand und zu Geflechten verwenden, 
das Holz der Bäume, die harten Schalen mancher Früchte 
bestehen aus solchen alten, hartgewordenen Bausteinen der 
Pflanze, während die jüngeren noch zarten Zellen mit ihrem 
saftigen und körnigen Inhalte Thieren und Menschen häufig 
zur Nahrung dienen. 

Nicht weniger bewunderungswürdig ist die Form, die diese 
kleinen Partikelchen des Pflanzenleibes in den verschiedenen 
Theilen der Pflanze und in den verschiedenen Pflanzen selbst 
an sich tragen. Während ein Theil 
derselben bei der ursprünglich kuge- 


ligen Gestalt verharrt, platten sich 


JIN 


andere ab und gleichen in der That 


ll 


AHNINIIINIINITONIRRIIN 


HIEREIIRNNNKUNTIITDTTN 
N 


ll 


Quadern und andern von ebenen Flä- 


) 


chen mehr oder minder regelmässig 


I) 


begrenzten Gestalten (*). Es war da- 


NN 
N 
N 
N 
NS 
N 
Q 
Q 
N 
N 
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N 
NS: 
N 
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= 


ZZ 
ZZ 
ZR 
ZN 
ZZ 
ZN 
ZZ 


her verzeihlich, in diesen integrirenden 


Theilen der Pflanzen Krystallgestalten 


I] 


zu erblicken, und sie wohl gar auf 


dieselbe Weise entstanden zu erklären, 


III I) 


HN 


wie die Würfel des Kochsalzes, des 


HLERRKTIINNRETRRTNTN 


1) 


Flussspathes oder die zwölfflächige 
Gestalt des Granates. 


Ba 
N 


- Mehr abweichend von der Bläschen- 
gestalt sind die gestreckten eylinderförmigen od. säulenförmigen (°) 


Fig. 2. Eine nach allen Seiten vollkommen abgeplattete Zelle mit der nur 
noch an den Ecken wahrnehmbaren ursprünglichen Kugelfläche. Der halb- 
flüssige Inhalt schimmert durch die dünnen Zellwände hindurch. 

Fig. 3. Eine säulenförmige Zelle. 


11 


und die verbreiterten tafelförmigen Formen. Was uns als Holz- 
faser, als Bastfaser u. s. w. von so grosser Brauchbarkeit für 
allerlei Bedürfnisse des Lebens erscheint, sind Fig. 4. 

nichts anderes als solche säulenförmige, an 
den Enden zugespitzte Pflanzenzellen, die an 
einander geschweisst eben jene zähen biegsa- 
men, elastischen Fasern (*) bilden. Es würde 
viel zu weit führen, wenn ich noch alle jene 
Abweichungen der ursprünglichen Zellenform 
beschreiben wollte, die bald bekannten Ge- 
stalten ähnlich bald ganz und gar unregel- 
mässig als mannigfaltig gestreckte, erweiterte 
und verzweigte Schläuche an der Zusammen- 
setzung des Pflanzenleibes Theil nehmen. Ei- 
ner Form muss ich jedoch immerhin noch ge- 
denken, weil sie zu den zierlichsten Gestal- 


tungen im kleinsten Raume gehört, der soge- 


nannten Pflanzengefässe, 


Während alle Zellen, und wenn sie auch 


langgezogenen Schläuchen und Cylindern glei- 


chen, dennoch an ihren Endtheilen geschlossen 
sind, gibt es eylindrische Zellen, die an ihren 
Enden , wo sie mit ähnlichen Zellen in Ver- 
bindung treten, aufbrechen und Oeffnungen 
erlangen. Dadurch entstehen mehr oder we- 


niger lange Röhren, die von andern Zellen 


eingeschlossen, ein System in einander mün- 


. Fig. 4. Mehrere an einander liegende und mit einander verbundene cylin- 
derförmige Zellen mit zugespitzten Enden. Ihre dieken Wände machen 
sie fest und zähe und eben dadurch den Bast, den sie zusammensetzen, 
zu einem festen, zähen Körper. 


12 


dender Schläuche bilden und Gefässe genannt werden (°). 
In der Regel stehen solche Gefässe in Mehrzahl neben einan- 
der, zwar von ähnlichen aber im Ganzen doch verschiedenen 

‚Zellschläuchen umgeben und durchwirkt, und stellen in ihrer 
Vereinigung das dar, was man Gefässbündel genannt hat. 


Fig. 5. 


N SD N 


Indess die Zellen je nach ihrer Form bald ein dichteres 
bald ein lockeres Mauerwerk bilden, woran bald grössere bald 
kleinere, bald rundliche (°), bald quadratische, säulen- (”) 


Fig. 5. Ein Pflanzengefäss, das nach der netzförmigen Zeichnung an seinen 
Wänden ein netzförmiges Gefäss (vas reticulatum) genannt wird, 
oben und unten abgeschnitten. 

Fig. 6. Ein Zellgewebe aus rundlichen , ellipsoidischen und birnförmigen 
Zellen zusammengesetzt, die sich gegenseitig nur berühren ohne sich ab- 


13 


und plattförmige Steine Antheil nehmen und das die Anato- 
men in ihrer Kunstsprache Zellgewebe nennen, sind die 
Gefässbündel (®), da sie 
gewöhnlich auch fester 
als jenes erscheinen mit 
einem Knochengerüste 
zu vergleichen, an wel- 
chem sich die weiche- 
ren und lockeren Theile 


anlegen, in der That 


ERAAHRSUNER STAR 


aber nichts weniger als 
diesen halb leblosen 


Theilen des thierischen 


Organismus gleichen, 


wenigstens nicht zu je- 


ner Zeit als sie sich noch 
in voller Thätigkeit be- 
finden. Bedenkt man wie 
eben die Gefässbündel 
in ihrer Form, Zusam- f 


zuplatten, und daher ein lockeres Gewebe (Merenchyma) bilden. Bei der 
Durchsichtigkeit der Zellhaut sicht man allenthalben den aus grünen und 
andern ungefärbten Bläschen bestehenden Inhalt durchscheinen. 


Fig. 7. Ein Zellgewebe aus mehrflächigen Zellen zusammengesetzt (Paren- 
chyma), oben und an einer Seite durch Schnitte blosgelegt. Die einzelnen 
Zellen sind etwas in die Länge gestreckt und von 12 Flächen begrenzt. 
Ihr Inhalt ist eine wasserhelle Flüssigkeit (Zellsaft) ohne alle feste Substanzen. 

Fig. 8. Ein Stück aus einem Palmenstamm mit drei Gefässbündeln , wovon 
die vorderen zwei nicht bloss der Quere, sondern auch der Länge nach 
durchschnitten erscheinen. An dem grösseren derselben bemerkt man bei 
a dünnwandige Holzzellen, bei b ein einfaches, bei ec ein netzförmiges 
Spiralgefäss, bei d einen Bündel so genannter eigener Gefässe, bei e dick- 
wandige Bastzellen, die’sich auch im kleineren Gefässbündel wiederholen. 
Alle diese Gefässbündel sind von parenchymatischen Zellen f f umgeben. 


14 
mensetzung, Ausbildung und Zusammenhang massgebend bei 
allen Anlagen des Zellengewebes erscheinen, so möchte man 
eben in ihnen die Skizzen erkennen, nach welchen die Details 
aller Pflanzengestaltung ausgeführt sind. Die blosse Betrach- 
tung des Netzwerkes der Rippen eines Blattes könnte einen 
schon auf diesen Gedanken führen. 

Wenn das eben Vorgebrachte einen flüchtigen Blick in 
den Bau vegetabilischer Körper gewährt hat, so wird es mir 
wohl erlaubt sein, noch auf einige andere Eigenthümlichkeiten 
aufmerksam zu machen, die in der Anordnung dieser Elemen- 
tartheile leicht wahrzunehmen sind. Durch die Bezeichnung 
Zellgewebe, welche man dem Mauerwerke des Pflanzenbaues 
gegeben hat, könnte bei Jenen, die noch nicht Gelegenheit 
hatten, dasselbe mit Hilfe vergrössernder Sehwerkzeuge zu be- 
trachten, leicht die irrige Ansicht Wurzel fassen, dass das- 
selbe wirklich mehr einem Gewebe als einem Mauerwerke 
gleiche. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Bekanntlich 
liegt die Eigenthümlichkeit des Gewebes darin, dass viele nach 
einer Richtung verlaufende fadenförmige Theile durch ähnliche 
diese in der Quere durchsetzende Theile verbunden werden, 
Nicht irgend ein Bindemittel, sondern einzig und allein die 
Verschlingung der mehr oder mindere Unebenheiten darbietenden 
Fasern bedingen die Dichtigkeit und Festigkeit des Gewebes. 

Eine solche Einrichtung finden wir keineswegs in den 
Pflanzengeweben. Die Elementartheile ohne Ausnahme, alle 
mikroskopisch klein, liegen einfach neben- und übereinander, 
sie umschlingen sich nicht, ja nicht einmal die röhrenförmigen 
(nur bei Flechten, Algen u. s. w. zuweilen); sie bilden daher 


wirklich mehr ein Mauerwerk als ein Gewebe. 


15 


Dies macht aber etwas anderes unumgänglich nothwendig, 
damit das Ganze einen Halt bekommt, nämlich eine Verkit- 
tung der einzelnen Elemente unter einander. Dieser Kitt oder 
Mörtel ist etwas sehr Merkwürdiges, worauf wir noch später 
zurückkommen werden, da wir hier nur auf seine Unentbehr- 
lichkeit hinweisen wollten. 

Aber finden sich denn in dem häufig aus Myriaden von 
Zellen zusammengesetzten Pflanzenbaue nicht solche Einrich- 
tungen, welche sowohl die Verbindung einzelner Theile als 
den festen Anschluss grösserer Massen unterstützen? Fast 
will es mich bedünken, dass beinahe jede Pflanze, will sie 
sich auch nur auf eine kurze Zeit gegen äussere mechanische 
Eingriffe erhalten, dergleichen nothwendig bedürfe. 

Allerdings ist es auch so. Die Pflanze mauert ihre ge- 
heimen Gemächer und schliesst Gewölbe darüber so kunst- 
reich, sie wendet im Baue des Stammes, auf den sie alles 
lastet, solche Grundschwellen, Widerlager, Streben und Anker 
an, dass ein Baumeister nicht zweckmässiger verfahren würde. 
Sind nicht die festen oben dünneren unten dickeren Gefäss- 
bündel, welche zerstreut oder in Kreisen geordnet dem Stamme 
entlang verlaufen, als wahre Strebepfeiler gegen Sturm und 
Wetter, die der schlanke Pflanzenstamm zu bekämpfen hat, 
anzusehen? Sind es nicht die zweckmässigsten Verankerungen, 
welche in den sogenannten Markstrahlen oder Spiegelfasern 
die Längenfasern des Holzes verbinden? Bringt man über- 
dies noch die Biegsamkeit und Elastizität der Elementartheile 
in Rechnung, so wird es begreiflich, wie ungeachtet der fort 
und fort auf Vernichtung sinnenden Elemente der Natur hier 
die Eiche, dort das schwanke Rohr trotzig ihr Haupt in den 
Lüften schütteln. 


16 


Ich habe von den geheimen Gemächern gesprochen , wel- 
che sich im Innern der Pflanze finden und fast überall eine 
besondere Form annehmen. Diese Gemächer, bald grösser, 
bald kleiner, regelmässigen Kammern oder abenteuerlichen 


Höhlen, ja wohl gar verfallenen Ruinen gleich, nennt der 
Pflanzenanatom Lufthöhlen, Luftgänge, (?) Lücken 


u. 8. w. Die regelmässigen Gemächer, die, wie obige Benen- 
Fig. 9. 


nungen deutlich angeben, nicht etwa durch etwas anderes als 
durch Luft erfüllt sind, sind meist schön gewölbt, mit zier- 
lichen Steinen konstruirt, und stellen in der That mikrosko- 
pische Grüfte, Tempelräume von Pfeilern gestützt, mitten im 
dichten Pflanzenzellgewebe dar. Andere grössere Räume tra- 
gen in ihrem Innern das Bild der Zerstörung nur zu deutlich 
an sich. Jeder Grashalm kann diesfalls zur Belehrung dienen. 


Fig 9. Stück aus dem Blatte von Calmus (Acorus Calamus). Die Luft- 
gänge a, a, a sind hier von dem zierlichsten Zellgewebe begrenzt. 


17 


Das Merkwürdigste von allen diesen leeren mit Luft er- 
füllten Räumen ist, dass sie meist durch viel kleinere Gänge 
mit einander in Verbindung stehen, die zuletzt in unzähligen 
Verzweigungen nach Aussen münden. Das Mundloch dieser 
unendlich kleinen Stollen und Schächte, die durch mannigfal- 
tig unter einander verbundene Gesenke in das Innere führen, 
ist stets zierlich gebaut und meist zum Verschlusse geeignet, 
so dass die äussere Luft mit der inneren kommuniziren oder 
auch von derselben abgeschlossen werden kann. Solche Mund- 
löcher, die man Spaltöffnungen nennt, sind so zahlreich, 
dass man z. B. auf einer einzigen Quadratlinie der Oberfläche 
Fig. 10. 


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des Blattes von Eisenhütlein nahe an 1000 zählen kann, die 
mehr als den 90sten Theil derselben unbedeckt lassen (9). Es 


Fig. 10. Ein Stück aus dem Blatte des Eisenhütlein (Aconitum Chamarum), 
etwa 200 mal im Durchmesser vergrössert. a die äusserste Zellschichte 


Botanische Briefe, 2 


18 


wird dadurch begreiflich, wie die atmosphärische Luft bis in 
das Innerste aller Pflanzentheile gelangt und Stoffe von ihnen 
empfängt, so wie andere dahin abgibt. Alle diese luftführen- 
den Gänge und Räume würde man indess vergebens in jenen 
Pflanzentheilen suchen, die eben im Aufbau begriffen sind. 
Sie bilden sich erst später aus, stehen mit den Neubauten 
in keiner nothwendigen Verbindung, und sehen eher wie De- 
positorien, oder um mich eines bergmännischen Ausdruckes 
zu bedienen, wie Verhaue aus, in welche nicht selten Dinge, 
welche‘! keiner weitern Verwendung mehr fähig sind, Bau- 
schutt, taubes Trümmergestein u. s. w. abgelagert werden. 

Solche Dinge sind z. B. Harz, Gummi, ätherische Oele 
u. dergl., die wir gleichwohl, wenn auch nicht die Pflanze, zu 
verwerthen im Stande sind. So leben wir häufig von dem 
Ueberflusse der Natur, und ahnen nicht, dass wir ihr einen 
Gefallen thun, von ihren Schüsseln auch etwas für uns zu 
nehmen. 

Wie in allen eine grössere Genauigkeit erfordernden Bau- 
werken jeder Stein wohl bemessen, für die Stelle, die er ein- 
zunehmen hat, eigens zugerichtet und geformt wird, so ist es 
auch nicht minder bei dem Pflanzenbaue. Keine Zelle findet sich 
hier, die nicht nach ihrem Umfange und nach ihrer Form genau 
abgezirkelt, mit Winkelmass und Senkblei hergestellt wäre, so 


dass jede nur für diese Stelle, wo sie sich eben befindet und 


der Oberseite aus plattenförmigen Zellen bestehend, b die äusserste Zell- 
schichte der Unterseite, zwischen deren Zellen sich die Spaltöffnungen 
befinden. An den durchschnittenen Theilen sieht man, wie diese von 
zwei halbmondförmigen Zellen gelassenen Oeffnungen in Hohlungen e 
münden, die durch das ganze Zellgewebe des Blattes mit einander kom- 
muniziren. d eine Schichte eylindrischer Zellen der Oberseite, e eine 
mehrfache Schichte unregelmässiger Zellen, welche darauf folgt. 


19 


für keine andere passt, und in die Vertiefungen und Erhöhun- 
gen der nachbarlichen Zellen genau eingreift. Betrachtet man 
ein Zellgewebe was immer für eines Pflanzentheiles, so muss 
man staunen über das wohlausgeführte schliessende Mauerwerk, 
wo nicht blos die passenden Elemente neben und übereinander 
gelegt, sondern auch so verbunden sind, wie sie nach den Re- 
geln der Baukunst nicht besser hätten verwendet werden kön- 
nen. Wie schön passen und fügen sich z. B. nicht die Säu- 
len und Cylinder mit ihren an beiden Enden befindlichen Zu- 
schürfungen in die Leeren, die durch die Zusammenfügung 
ähnlicher darüber und darunter befindlichen Elemente gelassen 
werden, um die Holz- und Bastbündel zu bilden, wie knapp 
schliessen sich die aufgestellten Ziegeln gleichen Zellen nicht, 
die jenes Mauerwerk bilden, das wir früher mit den Schlau- 
dern verglichen haben, und. den Zweck hat, das säulenförmige 
Mauerwerk gegen den Seitendruck zu unterstützen, ohne wel- 
chen jene Basaltmauern keineswegs die Festigkeit besässen, 
die sie überall zeigen. Endlich über alles dieses der schü- 
tzende musivische Estrich, der die Pflanze an ihrer ganzen 
Oberfläche überzieht. Lässt sich ein mit genauer schliessen- 
den Platten konstruirtes Dach, ein zierlicheres Mosaikpflaster 
denken, als die äusserste Zellenschichte jeder Pflanze, die man 
in der Kunstsprache Oberhaut (Zpidermis) nennt, besitzt ? 
Hier findet weder Staub noch Regen Eingang, kein Atom 
Feuchtigkeit kann durch diesen Verschluss durchdringen und 
man sieht wohl klar, dass die Pflanze sich besser gegen die 
Atmosphärilien zu schützen weiss, als wir in unseren schön- 


sten und dauerhaftesten Bauten (''). 
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Ungeachtet die Pflanze durch diese Einrichtung ihre In- 
tegrität möglichst zu erhalten strebt, will sie sich doch an- 
dererseits nicht ganz und gar von der Aussenwelt abschliessen, 
von der sie, wie wir später erfahren werden, am Ende doch 
alles erhält, was zu ihrem Sein nothwendig ist. Wem fallen 
dabei nicht sogleich die Luftlöcher bei, die sie allenthalben 
an ihrer Oberfläche besitzt, durch deren Verschluss und Oeff- 
nung sie nach Bedarf aufnimmt und abgibt, ohne dass ihre 
Existenz dabei im mindesten gefährdet ist. 

Dass bei einem so zierlichen und wohlgeordneten Bau je- 
der Theil einen besonderen Zweck und eine bestimmte Bedeu- 
tung erhält, wodurch eben ein Zusammenwirken aller einzelnen 
Theile möglich ist, lässt sich wohl denken, dass sich aber 
diese Zweckmässigkeit selbst bis auf die einzelnen Bauelemente 
erstreckt, kann nicht anders als mit Nothwendigkeit gefolgt wer- 
den. Erst wenn man weiss, wie jeder einzelne Stein in dem 
grossen Werke seinen Platz erfüllt, ist man im Stande über 
Fig. 11. Stück von einer Oberhaut (Epidermis) aus tafelförmigen, eng an 

einander schliessenden Zellen zusammengesetzt. Von mehreren ist die 


obere Seite durch das Messer weggenommen worden, um in das Innere 
derselben hineinblicken zu können. 


21 


die Stabilität, über die Zweckmässigkeit, über die Harmonie 
des Ganzen zu urtheilen, und so lange die Pflanzenkunde sich 
diese Einsicht nicht zu verschaffen sucht, wird sie wohl über 
Zweckmässigkeit und Schönheit u. s. w. des Pflanzenbaues 
im Allgemeinen faseln können, nie aber nach Gründen der 
Wissenschaft und Kunst auch nur den Bau eines Blattes, ja 
nicht einmal den eines Haares zu würdigen im Stande sein. 
Desshalb kann man die Bestrebungen für eine wahre wissen- 
schaftliche Begründung der Architektonik des Pflanzenbaues 
nicht genug preisen, und in der Kenntniss der elementaren 
Zusammensetzung den Schlüssel zu allem, was für uns gegen- 
wärtig noch ein Geheimniss ist, erblicken. Der Mann, der 
bisher noch am weitesten in diesem dunkeln Gebiete vorge- 
drungen ist, der es versucht hat, Stein für Stein nach Ent- 
stehung und Verwendung zu prüfen, der uns von einigen 
Pflanzenbauten sowohl Grund- als Aufrisse gegeben hat, auf 
welchem jedes Element mit der Nummer verzeichnet ist, die 
ihm sein Baumeister vorgezeichnet hat, dieser Mann ist Karl 
Nägeli. Ohne Zweifel haben wir von ihm die Enthüllung 
nicht blos der einfachsten Bauten, sondern auch noch grösse- 
rer Bauwerke des Pflanzenorganismus zu erwarten, die wir 


bisher nur anstaunen, ohne sie zu begreifen. 


DRITTER BRIEF. 


GENESIS DER ZELLE. 


Bisher hat die Hinweisung auf die Aehnlichkeit der ma- 
teriellen Zusammensetzung der Pflanze mit verschiedenen Ein- 
richtungen der Bauwerke die Erklärung derselben vielfältig 
unterstützt und anschaulich gemacht; nun aber fängt das 
Gleichniss an zu hinken, indem wir die Frage nach dem Ur- 
sprunge des Baumateriales, nach der Bildung der einzel- 
nen Elemente aufwerfen. Jeder Baumeister schafft sein Material 
aus grösserer oder geringerer Ferne herbei; Steine, Ziegel, 
Kalk, Sand, Wasser und was er sonst noch bedarf, wird an 
die Baustelle hingebracht und nur mit diesen Mitteln ist er 
im Stande, sein Werk auszuführen. Wo nimmt die Pflanze 
ihre Bausteine, ihren Mörtel u. s. w. her, ohne denen eben 
so wenig wie dort ein Aufbau aus gleichen und ähnlichen 
Elementen möglich ist? 

Hier tritt das Wundervolle der Einrichtung der Pflanze 
so recht eigentlich hervor, wenn wir bedenken, dass dieselbe, 
obgleich sie das Materielle zu allem dem, was sie braucht, 
von Aussen her holt, doch die Zubereitung und Verarbeitung 
keineswegs andern Kräften überlässt, sondern ihre Steine selbst 


fabrizirt, ihren Kalk selbst brennt und löscht und ihn zum 


Mörtel rührt, kurz Ziegelschläger, Steinmetz, Mörtelmacher 
u. 5. w., so wie Baumeister alles in einer und derselben Per- 
son, ja am Ende noch Stein und Werkmeister zugleich ist. 

Man hat lange Zeit der Pflanze noch mehr zugetraut, als 
sie wirklich zu leisten im Stande ist und sie für eine wahre 
Taschenspielerin und Hexenmeisterin gehalten. Man glaubte 
nämlich gefunden zu haben, dass diese nur Luft und Wasser 
von Aussen hernehme und alles Uebrige, was sie sonst noch 
bedarf, wie z. B. einige fixe Laugensalze, Erden, Phosphor, 
Schwefel u. s. w. durch ein blosses Zauberwort aus Nichts 
hervorrufe. Diese Ansicht spukt noch immer in den Köpfen 
einiger selbst sogenannter intelligenter Landwirthe, welche äl- 
teren chemischen Analysen mehr Werth zutrauen, als sie ver- 
dienen. Heutige Chemiker meinen, dass es gar nicht möglich 
sei, dass ein Ding wie eine Pflanzenzelle, die allerdings, wie 
wir später erfahren werden, eine mächtige chemische Werk- 
stätte ist, aus Sauerstoff oder Wasserstoff und Kohlenstoff 
auch nur Ein Atom von Phosphor oder Schwefel hervorbrin- 
gen könne. 

Abgesehen jedoch von dem, wollen wir unser Augenmerk 
zuerst darauf richten, wie die Pflanze inmitten ihres begonne- 
nen Aufbaues fortwährend neue Bausteine zu Stande bringt, 
sie an Ort und Stelle schiebt und mit Mörtel befestiget und 
erst nachdem wir uns von diesem wunderbaren Vorgang Ein- 
sicht verschafft haben, unsern Blick auch auf die Bereitung 
der Stoffe richten, die sie eben zur Bildung von Bausteinen 
und von Bindematerial nöthig hat, und so mit dem tieferen 
Blick des Chemikers verfolgen, was wir vorerst nur mit dem 


Auge des Anatomen auflassen. 


21 


Die Einsicht in die Bildung der Baurequisiten hat den 
Anatomen viel Schweiss gekostet und manche Kontroversen 
hervorgerufen. Die Sache ist allerdings nicht so offen dage- 
legen, dass man nur Augen zu besitzen brauchte, um es los 
zu haben. Die Pflanze macht es zwar nicht wie Bauherren, 
die alle ungebetenen Gäste von der Einsicht in den Vorgang 
der Arbeiten abhalten; sie thut alles offen und frei. Wenn 
wir aber trotzdem gar manches nicht sahen oder verkehrt sa- 
hen, so lag es mehr darin, weil wir eben vor Verwirrung 
nicht wussten, wohin wir eigentlich sehen sollten, so wie an 
unserem subjektiven Auffassen, also an unsern Augen, die 
das Zauberlicht, das uns die Pflanze vorhielt, noch nicht er- 
tragen konnten. Kurz, erst nach vielen Mühen und rastlosem 
Lauschen und Spähen ist es uns endlich gelungen, zur Kennt- 
niss der so einfachen Manipulation zu gelangen, die die Pflanze 
allenthalben bei ihrer Bauführung in Anwendung bringt, so 
dass wir jetzt, nachdem wir die Sache kennen, fast mehr 
über unsere Blödigkeit als über jenen höchst einfachen Vor- 
gang staunen müssen. 

Das ganze Geheimniss der Erzeugung der Bau- 
steine liegt darin, dass die Pflanze jeden derselben, den 
sie verwendet, aus einem schon vorhandenen hervorbildet. 
Dabei muss dieser selbst sich bis auf einen gewissen Grad 
vergrössert haben, denn sonst würde das Bauwerk zwar an 
Zahl der Steine aber nicht an Umfang zunehmen, was jedoch 
nichts weniger als zweifelhaft ist, wie jede Vergleichung einer 
jungen und alten Pflanze zeigt. 

Betrachten wir nun diese Fabrikation der Bausteine etwas 


genauer. Wie wir bereits wissen, sind die Bausteine der 


25 


Pflanze eigentlich keine Bausteine, d. i. keine soliden, gleich- 
artigen Massen, sondern verschieden geformte häutige Blasen, 
Schläuche u. s. w., die von weichen Substanzen und von Flüs- 
sigkeiten aller Art erfüllt sind. Jede Blase, jeder Schlauch, 
der beim Aufbau der Pflanze verwendet wird, bildet sich ohne 
Ausnahme im Innern einer schon vorhandenen Zelle, wird, 
wenn sie fertig ist, ohne weiteres herausgeschoben und an die 
Stelle hingelegt, wo sie nach dem Plane eben hinkommen soll. 
Weder Winde noch Flaschenzug ist dazu nothwendig, es geht 
dieses so leicht, wie von selbst, dass man darüber staunen 
möchte, wie es nur möglich ist. Geben Sie Acht, meine Le- 
ser, wie das zugeht. 

Erst schwillt der alte schon vorhandene Baustein, d. i. 
die Zelle, ungewöhnlich an, nimmt an Umfang zu, wächst, 
aber merken Sie wohl, es ist nicht ein blosses Wachsen, was 
hier vorgeht. Wie in einem trächtigen Thiere bilden sich in 
ihrem Leibe neue Bausteine, neue Zellen aus, Sind diese 
endlich so weit, dass sie alle Theile, die zu ihrer Selbststän- 
digkeit erforderlich sind, besitzen, so treten sie frei hervor, 
und die Mutterzelle, die während diesen Vorgängen nicht 
nur ihren Inhalt ganz für die Bildung ihrer Brut, d. i. ihrer 
Tochterzellen, verwendet, sondern auch in ihrer häutigen 
Umgrenzung bei der zunehmenden Vergrösserung fort und fort 
konsumirt wird, führt nur mehr ein Scheinleben, eine Schein- 
existenz, und endlich ist durch Verwendung ihrer letzten Reste 
fast gar nichts mehr übrig geblieben ('?). Die Tochterzellen 
entstehen also rein auf Kosten der Mutterzellen, ihr Dasein 
beruht auf dem Tod dieser. Ganz etwas Aehnliches bieten 
einige Insekten bei ihrer Fortpflanzung dar; die trächtigen 


26 


Weibchen schwellen allmählig so an, dass sie nur mehr als 
Bauch, als Blase erscheinen. Alle Organe, alle Funktionen des 

Fig! 19: Mutterthieres gehen nur auf die Hervor- 
bringung der Jungen hinaus, und mit der 
Geburt derselben ist von jenem fast nichts 
mehr übrig, als eine trockene, zerrissene 
Hülle. Lässt sich demnach die Bildung 
der Zellen bei den Pflanzen nicht eben- 
falls eine Zeugung nennen? und ist der 
ganze Pflanzenbau mit seinen Myriaden von 
Zellen etwas anderes, als das Resultat fort- 
gesetzter Zeugung seiner Elementartheile ? — 

Wie ganz anders erscheint uns nach 
dieser Einsicht in die Bildungsgeschichte 


der Bausteine das Mauerwerk der Pflanze, 


— das fort und fort sich verjüngende, — 
das gleichsam aus sich herauswachsende. Hier verschwindet 
nun jeder Vergleich und wir sehen kein Werk der Menschen- 
hände und der Menschenerfindung vor uns, das dem Bau- 
werke des Pflanzentempels auch nur von ferne ähnlich wäre. 
Eine unsichtbare Hand ist es, welche an seine Wände eben 
so geheimnissvolle Worte zeichnet, wie einst an die Mauer des 
Königspalastes.. — Doch wir verfolgen den Bildungsprozess 
der Zellen weiter. 

Schon in der Mutterzelle wird die Lage bestimmt, welche 


die Tochterzellen in der Folge einzunehmen haben, daher nach 


Fig. 12. Eine ungewöhnlich grosse schlauchförmige Zelle zwischen kleinen 
parenchymatischen Zellen, welche sich nicht mehr vergrössern. Jene 
Mutterzelle enthält fünf Tochterzellen, wovon die oberste den übrigen 
vier an Ausbildung vorausgeeilt ist. — Aus der Samenknospe der zwei- 
jährigen Pippau (Crepis biennis). 


ihrer Auflösung keine weitere Verschiebung nothwendig ist. 
Würde jedwede Zelle mit der Fähigkeit, neue Zellen aus sich 
hervorzubringen, auch die hinlängliche Kraft dazu besitzen, 
so würde nur ein unregelmässiges Haufwerk von Zellen ent- 
stehen, und je nach der Produktionsfähigkeit der einen oder 
ler anderen, würde stellenweise eine grössere Anhäufung von 
Zellen entstehen, und das Ganze jedenfalls ein ungestaltiges 
Aussehen erlangen. Nur durch den einzigen Umstand, dass 
diese Produktionsfähigkeit limitirt ist, kommt wie 
von selbst Regel und Ordnung in das unbestimmte Haufwerk. 

Das Eine, was wir hierbei wahrnehmen, und das wie eine 
feste Norm zu gelten scheint, ist, dass fast alle Produktion 
an und für sich auf das Minimum beschränkt ist, welches 
darin besteht, dass jede Mutterzelle nur zwei Tochterzellen 
zu erzeugen im Stande ist, — das andere, dass diese beiden 
Tochterzellen, wenn auch nicht in den ersten, so doch in den 
letzten Generationen fast durchaus ein verschiedenes Naturell 
haben, so dass während die eine frisch und lebenskräftig in 
Kurzem sich als Mutter einer neuen Generation erweiset, die 
andere in Bescheidenheit zurücktretend nur ihr Dasein fristet. 
Da letztere nicht für die Vergrösserung des Pflanzenbaues, 
wohl aber an seinen Bestand eben durch ihre Dauer Theil 
nimmt, während sich die andere Schwesterzelle bald in ihrer 
eigenen Lust verzehrt, so sind es eigentlich nur jene Dauer- 
zellen, aus welchen die Pflanzen zusammengesetzt sind. Die 
Anordnung derselben, die Festhaltung dieses Charakters oder 
das zeitweilige Aufgeben desselben, das in erneuerter Produk- 
tivität ausschlägt und ins Unendliche fortgehen kann, bedin- 


gen das, was als Umfang und Form der Gewächse in die Er- 


28 


scheinung tritt. Noch sind diese Generationsreihen keineswegs 
genau verfolgt, in ihrer Abhängigkeit von einander erforscht 
und auf bestimmte Gesetze zurückgeführt, aber es steht zu 
erwarten, dass jene Forschungen, welche bereits so viel Licht 
in diese dem menschlichen Auge verborgenen Vorgänge der 
Pflanzengestaltung gebracht haben, die Fackel ihrer Aufklä- 
rung auch in jene Labyrinthe hineintragen werden, die bisher 
noch kein sterbliches Auge durchschaut hat. 

Nur so viel wissen wir schon jetzt, dass die Bildungs- 
zellen vorzüglich an den äusseren Theilen der Pflanze ihr 
Spiel treiben, sowohl an der Spitze als am ganzen Umfang, 
wodurch eben sowohl eine stetige Verlängerung als ein An- 
wachsen in die Dicke möglich wird. 

Diese Stellen sind es, wo in rascher Aufeinanderfolge 
von Generation zu Generation ein solches Leben und Weben 
herrscht, wie es selbst in den Riesenbauten, die wir Menschen 
ausführen, an dem Gewimmel der Arbeiter nur als ein schwa- 
cher Abglanz jenes lebensvollen, heiteren Vorganges erscheint. 

So wächst denn die Pflanze sich fort und fort verlängernd, 
so umschlingt das Holz der Stämme eine neue Schichte von 
Elementen um die andere; dass sie sich aber weder in die 
Weite unendlich auszubreiten noch in den Himmel zu erheben 
vermag, ist, wie schon Goethe bemerkt, Sorge getragen. 


Wie? dies soll uns später beschäftigen. 


VIERTER BRIEF. 


VERKITTUNG DER ZELLEN, VERÄNDERUNGEN IN FOLGE 
IHRES WACHSTHUMES. 


Das künstliche Bauwerk der Pflanze mit den fort und 
fort sich verjüngenden Nymphen, die es ausgeführt haben, 
steht nun als ein vollendetes Ganzes vor uns. Alles ist wohl 
geordnet, jeder Stein an seinen Platz hingesetzt, aber Eines 
fehlt noch, wenn es ein festes dauerhaftes Werk sein soll, 
nämlich der materielle äussere Zusammenhang der 
einzelnen Theile. Dadurch, dass jede Zelle ein Ganzes für 
sich ist, die trotz ihrer Entstehung aus ähnlichen Elementen 
dennoch ein selbstständiges Dasein zu führen berufen ist, 
würde ohne äusseren Zusammenhalt das Band der Blutsver- 
wandtschaft sicher nicht hinreichen, dass nicht bei dem leise- 
sten Anstosse der künstliche Bau gleich einem Kartenhause 
wieder aus einander ginge, zusammenbräche und sich gleich- 
sam von selbst vernichtete. Diesem für immer zu begegnen, 
hat hier die Natur auf eine Verbindung gedacht und die freie 
unbeschränkte Zelle so an die Nachbarzelle gefesselt, dass 
wenn auch Differenzen entspringen sollten aus ungleichem Na- 
turell und Zweck, eine solche dennoch nicht zum Nachtheil 
des Ganzen ausfallen kann. Die Pflanzenzellen sind daher in 


30 


der That dort, wo sie stehen, wie angemauert, — ja 
es fehlt auch nicht an dem passendsten Mörtel, der sie be- 
festiget. 

Aber nicht blos die Steine, sondern auch das Bindemittel 
bereitet die Pflanze selbst und es ist wiederum die Zelle, die- 
ses Factotum, die sich dabei nicht blos geschäftig erweiset, 
sondern zugleich als die einzige Quelle erscheint, woher das- 
selbe bezogen wird. Schon mit der Bildung und Sonderung 
der Zellen geht ihre Wiedervereinigung, ihre Verkittung fast 
Hand in Hand, so dass die kaum fertige Zelle auch schon 
nicht mehr von der Stelle weichen kann, und obgleich mit 
Leben und Kraft für Tausende von Generationen ausgerüstet, 
doch nur einem gefesselten Prometheus gleicht, der für die 
ganze Zeit seines Daseins an dem Blocke der Nachbarzelle 
angeschmiedet bleibt. Ben 

Dies geht dadurch von Statten, dass in der Zelle selbst 
der Leim gekocht, der Mörtel abgearbeitet wird, der durch 
die Wand der Zelle hindurchdringend, geradezu an die Stelle 
gelangt, wo er hin soll, und seine Wirkung auf die benach- 
barten Zellen ausüben kann. Dieser Leim oder Kitt ist bald 
reichlicher bald sparsamer und eben dort, wo er fast gar 
nicht vorhanden ist, oder nie hinkommt, treten die Quadern 
auseinander und bilden jene Höhlen, Gewölbe und zwischen 
den Zellen verlaufenden Irrgänge (Intercellulargänge), von 
denen bereits die Rede war. Es ist natürlich, dass man diesen 
zwischen den einzelnen Zellen vorhandenen Stoff mit einem 
eigenen technischen Ausdrucke und zwar mit dem Worte In- 
tercellularsubstanz bezeichnete und ihn für den wahren 


Mörtel im Baue des Pflanzenorganismus hält ('?). 


Aber bei der fortwährenden Vermehrung, Aufbringung 
und Versetzung der Elementartheile bleibt es nicht stehen. 
Nicht blos die Bildungszellen, 


sondern auch die Dauerzellen, 


Fig. 13. 


also diejenigen, welche nach 


da 


ihrer Erzeugung allein Bestand 


haben, und dem Pflanzenbau 


eine Dauer sichern, sind wei- “ 


tern Veränderungen unterwor- 


fen. Anfänglich kleine zarte 


Bläschen werden sie nach und 


nach immer grösser und stär- 


ker, und nehmen dabei erst 


jene Gestalt an, die sie für 


die Folgezeit behalten, und 


die wir bereits als würfelför- 


mige, vielflächige, tafelförmige, 


säulenförmige u. s w. kennen 
gelernt haben. 

Die Zunahme an Umfang hat in den meisten Fällen auch 
eine Verdickung ihrer äusseren häutigen Grenze, d. i. ihrer 
Wand zur Folge, und in diesem Vorgange besteht denn ganz 
eigentlich das Wachsthum der Pflanzen, während die Zunahme 
durch Zellenvermehrung nur als Folge der Generationsthätig- 
keit zu betrachten ist. So durchdringen sich diese beiden Pro- 


zesse gegenseitig, und so wie die Zellenvermehrung nicht ohne 


Fig. 13. Mehrere gestreckte parenchymatische Zellen mit ihrem Inhalt durch 
deutliche Intercellularsubstanz «.a.. mit einander zu einem unzertrennlich 
festen Gewebe verbunden. 


32 


gewisse Vorgänge des Wachsthumes möglich wird, so er- 
scheint auch das Wachsthum durch vorausgegangene Zellen- 
bildung bedingt. Beide Prozesse aber sind es, die zuletzt die 
Vergrösserung der Pflanze nach sich ziehen, und wenn auch 
die Zellenvergrösserung sich nur bis auf eine gewisse (immer- 
hin in der Regel noch mikroskopische) Grösse erstreckt, so 
hat, wie wir in der Folge sehen werden, auch die Zellenver- 
mehrung ihr bestimmtes vorgesetztes Mass und Ziel. 

Eine Erscheinung, die für die Dauer der Pflanze sowohl 
als für ihre zuweilen nicht unbeträchtliche, ja man kann sa- 
gen, massenhafte Grösse (man denke an die Kastanie dei cento 
cavalli, den Drachenbaum auf Orotava, an den Baobab ('*), die 
Cypresse von Oachaca u. s. w.) mehr als alles andere berech- 
net ist, und dieselben mit den ältesten Baudenkmälern wett- 
eifern lässt, ist die weitere Ausbildung der Zellhaut, nachdem 
sie ihre Ausdehnung erreicht hat, oder doch nahehin zu die- 
sem Ziele gelangt ist. 

Wenn auch die ursprüngliche Grenze der Zelle immerhin 
ein dünnes, homogenes Häutchen ist, so wird dasselbe später 
doch häufig dick und fest, und da es sich in diesem Zustande 
nicht mehr auszudehnen im Stande ist, so geschieht jede wei- 
tere Verdickung durch Anlagerung der verdickenden Substanz 
an der Innenseite der Zellwand. Dadurch muss aber noth- 
wendig der Zellraum selbst fort und fort beengter und endlich 
wohl gar auf ein Minimum reduzirt werden. Solche Zellen, 
welche man diekwandige nennt, sind hie und da im 
Pflanzenbaue vertheilt, und finden sich gewöhnlich dort am 
häufigsten ein, wo es etwas zu stützen und zu schützen gibt. 


Dergleichen Zellen sind daher nicht blos gute Eck-, Sockel - 


und Pflastersteine, sondern sie werden ganz besonders zu den 


Pfeilern verwendet, als da vorzüglich der Stamm und seine 
Fig. 14. Ber) 


En Rennen. ge nn al Do oT 


= =. — 


Aeste — dies in der Pflanzenwelt so mannigfach ausgebildete 


Pfeilersystem —- ist. 


Fig. 14. Eine nach dem Zeugnisse der Kenner richtige Darstellung eines 
alten Baobab (Adansonia digitata) dem Dietionnaire pittoresque d’histoire 
naturelle entnommen, 


Botanische Briefe. 3 


3 


Ohne dass die Zellen des Holzes dicke Wände hätten, 
würde selbst der umfangreichste Baum, der grösste Pflanzen- 
koloss durch jedes Lüftchen wie ein dürrer Strohhalm abge- 
knickt werden können, ja die Existenz solcher Pflanzenmassen 
wie die Bäume würde ohne diese Beschaffenheit der Zellen 
durchaus unmöglich sein. 

Sehr wohl angebracht sind die dickwändigen Zellen auch 
an der Grenze des Pflanzenbaues selbst, und wenn sie da, 
wie es häufig geschieht, sogar unter einander verwachsen und 
mit einem Firniss überzogen werden, so gibt das für die Dauer 
mehr als die beste Makadamisirung, Asphaltirung u. dgl. aus. 
Dasselbe findet auch bei der Bildung der hartschaligen Hül- 
len der Früchte und der Samenhäute, die die Keime zu schü- 
tzen haben, statt. Würde wohl die Pflanze bei der äusserst 
zarten Einrichtung ihrer Elementartheile auch nur auf die 
Dauer der kürzesten Zeit hinausreichen, wenn sie nicht auf 
diese Weise Festigkeit und Schutz erhielte? 

Bei diesem Bestreben der Pflanze oder vielmehr der Zelle, 
sich gegen Einwirkungen aller Art zu kräftigen und so Be- 
stand und Dauer zu erlangen, durften jedoch die Rücksichten, 
denen sie ihre Entstehung und Ausbildung zu danken hat, 
nicht ausser Acht gelassen werden. 

Darunter gehört vor allem andern der leichte rk 
Bezug der materiellen Mittel, wodurch sie eben existirt und 
sich fortzubilden im Stande ist. Während die Zelle durch die 
übermässige Wandbildung sich gleichsam von der Aussenwelt 
abzuschliessen sucht, muss sie anderseits darauf Bedacht neh- 
men, dass dieser Abschluss zu keinem vollständigen wird, denn 
sie würde dabei nothwendig ihrer ferneren Wirksamkeit ein 


35 


Ziel setzen. Dass die Kommunikation, welcher Art sie immer 
beschaffen sein mag, durch dicke, feste Wände beschwerlicher 
sein mag, als durch eine leichte dünne Breterwand, ist für 
sich klar. Wenn nun die Pflanze in der That hie und da ge- 
zwungen ist, solche dicke Wände zu bauen, — das ist — ihre 
in der Regel leichten Bausteine massiv zu machen, so wird sie 
gewiss nicht ausser Acht lassen, hie und da Oeffnungen zu 
lassen, oder wenigstens die ursprüngliche Dünnwandigkeit 
stellenweise beizubehalten, 

Dass das nun wirklich auch so geschieht, haben wir bei 
der Betrachtung der äussersten Zellenschichte der Pflanze be- 
reits erfahren, — aber auch bei den Zellen selbst, diesen klei- 
nen schon ursprünglich ‚verschlossenen Räumen, findet etwas 
Aehnliches Statt. Mögen sich die Zellen bei der Verdickung 
ihrer Wände noch so sehr von einander und von der Aussen- 
welt abschliessen, einzelne, wenn gleich verschlossene Fenster 
bleiben doch immerhin zurück, und wenn sje auch manchmal 
wie Kerkerfenster aussehen, tief in der Wandung stehend, 
durch die die Freiheit nur mit Einem Auge hineinsieht, so 
beleben sie doch den stillen Raum und scheuchen den Tod 
zurück. Solche kleine Kerkerfensterlein, so winzig, dass auch 
ein tausendfach verschärftes Auge kaum hineinzusehen ver- 
möchte, durch die aber unser grosser Pflanzenanatom Hugo 
v. Mohl zuerst hineinblickte, sind in jeder Zelle in mehr- 
facher Zahl vorhanden. Nicht blos ihr seltsamer Bau, noch 
viel mehr ihre Richtung und Kommunikation mit andern Lug- 
löchern ist merkwürdig und beurkundet auffallend, - wie im 
Pflanzenleib eine Zelle ohne der andern nicht bestehen könnte, 


wenn sie sich vollkommen unabhängig machen wollte. ('°) 
3% 


Es ist nämlich die wunderbare Einrichtung getroffen, dass, 
wo von einer Kerkerwand ein Fenster hinausgeht, an der an- 
stossenden Wand des nebenstehenden Kerkers ein gleiches 
Fenster hineingeht, so dass beide Fensterchen an einer und 
derselben Stelle zusammentreffen und also die einzelnen Ker- 
ker- oder Zellenräume in der That eine wahre Kommunika- 
tion mit einander haben, obgleich sie auf das Festeste von 
einander geschieden sind. Wir werden später noch erfahren, 
was die Zelle, und daher die Pflanze dieser fürsorglichen Ein- 


richtung zu danken hat, und dass ein solches Zellensystem 


Fig. 15. Dickwandige Zellen durch Intercellularsubstanz vereiniget. Aus 
einer Palmenfrucht. 

Man sieht auf der oberen Durchschnittsfläche nicht blos die schichten- 
weise Anlagerung der die ursprüngliche Zellwand aa von Aussen nach 
Innen bedeckenden Verdickungssubstanz bb, sondern auch letztere nach 
allen Richtungen durchsetzenden Tüpfelkanale c, welche in den verengten 
Raum der Zellen d münden, nach Aussen aber den Schein von Durch- 
löcherungen — Tüpfel — e hervorbringen. 


37 


wahrlich dort nicht zu empfehlen wäre, wo es sich um voll- 
ständige Abschliessung handelte. 

Aber wo die Zelle einmal so weit fortgeschritten ist, dass 
sie weder Raum für ein Hochzeitsbett noch für die Werk- 
zeuge chemischer und physikalischer Thätigkeit, für Retorten, 
Schalen, Pumpen u. s. w. hat, lässt sich wohl denken, dass 
sie wenig mehr als ein Sarg ist, in welchem Liebe und Leben 
für immer regungslos begraben liegen. So ist es in der Wahr- 
heit im Pflanzenkörper, und alle seine integrirenden Theile, 
und namentlich jene, die die Lust des Lebens bereits im vol- 
len Masse empfunden haben, legen sich zum Todesschlaf nie- 
der, ohne je wieder zu erwachen. In Mitten des schönen 
grünen Tempels bricht nach und nach ein Balken um den an- 
dern ein; es stürzt eine Säule um die andere um, und noch 
lange hebt oft der stolze Bau sein Laubdach fröhlich in die 
Luft, während im Innern längst der Todeswurm (Kernfäule) 
nagt. Endlich bricht das Ganze zusammen und geht eben so 
spurlos vorüber, wie es sich unmerklich aufbaute, und eine 
Welt voll Leben von seinem Dasein abhängig machte, 


FÜNFTER BRIEF. 
CHEMISMUS DER PFLANZE. 
Das Wunderbarste bei der Bildung der Pflanze ist und 


bleibt immer die Kunst, wie sie aus einigen wenigen Elemen- 
ten, die sie aus der Luft und dem Boden schöpft, das ganze 
Material ihres Baues, das, wie bekannt, von der mannigfaltig- 
sten Beschaffenheit ist, zu erzeugen im Stande ist. Das Ganze 
wird noch seltsamer, wenn man bedenkt, dass alles, was her- 
vorgebracht wird, von den Zellen ausgeht, und dass daher 
von diesen ausserordentlich kleinen, mikroskopischen Körper- 
chen, von dem was in ihnen und an ihnen vorgeht, die ver- 
schiedenartigsten Stoffe ihren Ursprung nehmen, die wir in 
der Pflanzenwelt wahrnehmen. Wer möchte in diesen kleinen 
chemischen Laboratorien diese Kraft und Energie suchen, die 
wir bei all’ unserer Kunst in den Laboratorien und chemischen 
Fabriken nur theilweise und kaum halb so präzise zu Stande 
zu bringen vermögen. 

Lassen Sie mich nun die Pflanze oder vielmehr die Pflan- 
zenzelle als geschäftigen, ja ich möchte sagen, als nie feiern- 
den, bei Tag und Nacht, Winter und Sommer, wenn gleich 


stets in anderer Weise beschäftigten Spagiriker*) betrachten. 


*) Der Name Spagiriker wurde im Mittelalter dem Chemiker (Achemisten) 
als einem der die Stoffe zu lösen, zu trennen (or«eıv) und zu binden, zu 
vereinigen (@yeigsıv) vermag, gegeben. 


39 


Was die Pflanze von Aussen erhält, sind nur einige we- 
nige Grundstoffe, die sich fast nur auf Kohlenstoff, Sauerstoff, 
Wasserstoff und Stickstoff beschränken, denn die Antheile von 
Schwefel, Phosphor, Chlor, Jod, so wie von Kali, Natron, 
Kalk-, Bitter- und Kieselerde u. s. w., die sie noch benöthi- 
get, sind gegen den Verbrauch der ersteren Stoffe als ver- 
schwindend klein zu betrachten. 

Am meisten bedarf sie Wasser, nicht weil mit demselben 
alle übrigen Stoffe eingeschmuggelt werden müssen, sondern weil 
sie ihre ganze Schwarzkunst nur auf dem sogenannten nassen 
"Wege zu treiben im Stande ist, d. h. es nur mit wässerigen Auf- 
lösungen zu thun hat. Wenn man durch Versuche, die man mit 
vieler Genauigkeit über den Verbrauch von Wasser angestellt 
hat, erfährt, dass ein Morgen Wiesen - oder Getreidefeld 6 Mil- 
lionen Pfund Wasser und ein eben so grosser Fleck Waldes eher 
mehr als weniger für die Vegetationszeit bedarf, so muss man 
wahrhaftig über die Mengen staunen und fragen, ob denn wirk- 
lich auch so viel Wasser für einen so kleinen Raum und in so 
kurzer Zeit aufgebracht werden kann. Wir sehen wohl, dass 
die unerschöpfliche Quelle, diese Goldader der Prosperität der 
Pflanzen nur in den himmlischen Gaben des Regens, des 
Thaues u. s. w. liegen kann, und dass dort, wo der Himmel 
dieses Füllhorn seiner Gnade nicht ergiesst, auch kein Ge- 
deihen, ja nicht einmal das Vorhandensein einer spärlichen 
Vegetation möglich ist. Nicht weil die Sahara, die lybische 
Wüste, das Sandmeer Schamo, die Westküste von Bolivia 
u. a. m. sandige und felsige Gegenden sind, kann da keine 
Vegetation aufkommen, sondern weil es an Regen und wäs- 


serigen Niederschlägen überhaupt fehlt, denn wie bekannt 


40 


regnet es da nur alle zwölf Jahre einmal, und das nicht 
immer. | 

Nächst dem Wasser und den Bestandtheilen desselben ist 
der Kohlenstoff der wichtigste, denn wir mögen was im- 
mer für einen Pflanzentheil auf seine elementare Beschaffen- 
heit untersuchen , so spielt der Kohlenstoff fast immer eine 
Rolle dabei, in den meisten Fällen sogar die Hauptrolle. Wo- 
her nimmt aber die so weit verbreitete Pflanzenwelt ein so 
grosses (Juantum eines Stoffes, der sich bei weitem nicht so 
häufig auf der Erde findet als das Wasser. Fast möchte es 
uns bedünken, dass die kleine Quantität von Kohlensäure, 
welche in der Atmosphäre vorhanden ist, (Yooo Ihres Gewich- 
tes oder %,o-000 DIS 0.000 Ihres Volumens) nicht ausreicht, 
wenn uns die Chemiker nicht berechnet hätten, dass daraus 
die ganze lebende und abgestorbene Vegetation leicht ihren 
Bedarf decken konnte und diese Quelle dabei noch lange nicht 
erschöpft sei. 

Der vierte Stoff endlich, der zu den unentbehrlichsten 
gehört, ist der Stickstoff. Wenn die drei erstgenannten 
Stoffe auch vorzugsweise das Leibliche der Pflanze ausmachen, 
und namentlich zur Bildung der Zellwand verwendet werden, 
so scheint doch bei dem ganzen Bauunternehmen ein Stoff 
nothwendig zu sein, der das Ganze so zu sagen in den Gang 
bringt, es unterhält und für seine Vollendung Bürgschaft lei- 
stet. Dieser Archaeus, dieser Bürge, der den nöthigen Kredit 
leistet, ist der Stickstoff. — Der Stickstoff beginnt die Arbeit, 
macht die Bildung jeder einzelnen Zelle erst möglich und ist 
überhaupt dort zu treffen, wo es etwas zu thun und zu schaf- 


fen gibt. Während Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff 


41 


vorzüglich ihre Wirksamkeit auf das Grenzgebiet des Zellle- 
bens beschränken, waltet der Stickstoff im Innern, im Kern 
der Zelle und leitet alle Vorgänge ein ('°). Welche Bedeu- 
tung die übrigen oben angeführten Stoffe ha- 
ben, ist vor der Hand noch nicht leicht zu 
errathen, obgleich ihr Antheil: an gewissen 
Bestrebungen bei dem umfassenden Bauunter- 
nehmen nur zu deutlich hie und da bemerkt 


werden kann. 


Sind diese einfachen Stoffe nun aus der Aussenwelt in 
den Organismus, in die Zelle eingeführt, so sind sie noch 
keineswegs das, was sie werden sollen. Schon ihre Einfüh- 
rung ist nur unter gewissen Rücksichten, nämlich den ihrer 
Natur und Wirkungsweise entsprechenden Umständen möglich, 
um wie viel mehr ihr Verhalten gegen einander, sobald sie 
Bestandtheile der Zellen selbst geworden sind. 


Noch ist ein dichter Schleier über jene Vorgänge gezogen, 
durch die einfache Stoffe zu jenen neuen Verbindungen zu- 
sammentreten, wodurch sowohl der Inhalt der Zelle als das 
Grenzgebilde ihrer Thätigkeit, die Zellenmembran , gebildet 
wird; und wenn wir auch die Affinitätsgesetze kennen, nach 
welchen sie nur allein auf einander zu wirken im Stande sind, 
so ist es uns bisher doch immer noch nicht gelungen, diesen 
geheimnissvollen Vorgang der Natur in der Art abzulauschen, 


dass wir im Stande wären, denselben in unseren chemischen 


Fig. 16. Sowohl der Zellkern (Cytoblastus), nämlich das runde, linsenför- 
mige Bläschen mit dem Kernkörperchen, als die ihn umgebende und durch 
den ganzen Zellraum vertheilte körnige Substanz (Protoplasma) besteht 
vorzüglich aus stickstoffhaltigen Substanzen. 


42 


Laboratorien zu wiederholen. Die chemische Wirksam- 
keit der Zelle ist, wenn gleich nicht in ihren 
Produkten, so doch in ihrer Synthesis ein Räth- 
sel, und die Pflanze für uns in diesem Anbetrachte noch im- 
ıner die einzige Goldmacherin, die es gibt. 

Berücksichtigen wir die chemische Wirksamkeit der Zelle 
in ihren Produkten, so lässt sich Folgendes wahrnehmen. Die 
durch die Verbindung jener einfachen Stoffe hervorgehenden 
Körper sind mannigfaltiger Art, sowohl rücksichtlich ihrer Zu- 
sammensetzung als in Bezug auf ihre physikalischen Eigen- 
schaften und ihre Bestandform. Doch kann man sie füglich 
in vier grosse Gruppen bringen; diese sind 1) indifferente 
stickstofffreie Körper; 2) indifferente stickstoffhaltige Körper ; 
3) Pflanzensäuren und 4) Körper, welche die Rolle von Alka- 
lien spielen (Pflanzenalkaloide). 

Von diesen vier grösseren Gruppen, die eine zahllose 
Menge untergeordneter verschiedener Körper in sich fassen, 
gehören nur die beiden ersten unter die verbreitetsten und 
auch darunter nur einige wenige, welche an der Struktur fast 
aller Pflanzen Theil nehmen und fast nirgends zu fehlen schei- 
nen, während die anderen sich von mehr oder weniger unter- 
geordneter Natur zeigen und häufig eine sehr beschränkte, oft 
nur einer gewissen Abtheilung von Gewächsen zukommende 
Verbreitung besitzen. 

Zu den allgemein verbreiteten stickstofffreien Bestandthei- 
len der Pflanzen gehören : 1) der Zellstoff oder Membranstoff, 
die ehemals sogenannte Holzfaser, 2) das Stärkemehl (Amy- 
lum) (u. '®), 3) der Zucker, 4) das Gummi, 5) die Pflan- 
zengallerte und noch mehrere, die in den verwandtschaftlich- 


+43 


sten Verhältnissen zu einander stehen und obgleich in ver- 
schiedenen äusseren Eigenschaften erscheinen, doch ihrer che- 
mischen Natur nach 
eins und dasselbe sind. 
Der Chemiker, der von 
Hermes Trismegistos 
an in Zauberformeln 
zu reden gewohnt ist, 
ruft mit der Beschwö- 
rungsformel C,, H,, 
O,, Alle diese Körper 


hervor, d. h., wenn 
ihm einer oder der andere davon gegeben ist. Ein Bischen 
Salpetersäure oder Schwefelsäure, ein Laugensalz zu diesem 
oder jenem gebracht, und flugs ist es ein anderer, Stärke in 
Zucker, Holzfaser in Stärke u. s. w. zu verwandeln, ist ihm 
eine Kleinigkeit. Dies beweiset aber nur so viel, dass es der 
Pflanze ebenfalls sehr leicht sein mag, aus eigenen Mitteln 
solche Verwandlungen vorzunehmen, und in der That ist sie 
auch zu bewundern, wie sie bald dies, bald das, je nach ih- 
rem Bedarfe zu erzeugen vermag. 

Ein Beispiel mag dies erläutern. Keine Pflanze hat, wenn 
sie sich aus dem Samenkorn entwickelt, noch jene Organe, 
die ihr später die Nahrungsstoffe zuführen. Sie bedarf dersel- 


ben anfänglich aber so gut wie nachher, ja noch mehr, da 


Fig. 17. Eine Zelle aus der Kartoffel mit Stärkemehl (Amylum) fast ganz 
erfüllt. u 


Fig. 15. Drei Stärkekörner aus derselben Zelle stark vergrössert. Man ge- 
wahrt überall einen kleinen Kern als Grundlage, über welchen sich con- 
eentrische Schichten von Stärke abgelagert haben. 


44 


sie eben im Begriffe steht, ihre Substanz nach allen Richtun- 
gen zu vermehren, mit einem Worte Zellen zu erzeugen. Um 
dies wichtige Geschäft, von welchem allein ihre fernere Er- 
haltung abhängig ist, vollführen zu können, ist die Einrich- 
tung getroffen, dass der Keim eine grosse Menge für ihn 
überflüssigen Zellstoff unter der Form von Amylum, Oel u. s. w. 
' von der Mutterpflanze als einen Zehrpfennig mitbekommt. So 
wie der Same zu keimen anfängt, hat er nichts Angelegent- 
licheres zu thun, als diese Zehrpfennige in gangbare Münze 
umzutauschen, und wie von selbst entsteht aus Amylum 
Zucker, aus Zucker Pflanzengallerte und aus dieser endlich 
die Zellwand, wodurch die Integrität der Zelle vollendet und 
der Pflanzenbau damit einen Stein um den andern gewinnt. 
Solche Beispiele liessen sich noch mehrere anführen, denn es 
gehört gar. nicht zu den Sonderbarkeiten im Pflanzenleben, 
einen Stoff in den andern übergeführt zu sehen. Das Wun- 
der von Chanaan ist etwas Alltägliches. 

Der Chemiker nennt alle diese Körper von jener und die- 
ser ähnlichen Formel Kohlehydrate, was so viel sagen will, 
als Verbindungen von Kohlenstoff und Wasser oder eigentlich 
Kohlenstoff (C.) mit den Bestandtheilen des Wassers (H O.). 
Nun lässt sich wohl denken, dass in manchen Fällen noch ein 
Ueberschuss von Wasserstoff (H.) oder ein Ueberschuss von 
Sauerstoff (O.) zu Stande kommt, was in dem einen Falle 
fette Oele, im andern die Pflanzensäuren, wie z. B. die Apfel- 
säure, Citronensäure, Gerbsäure, Gallussäure u. a. m. hervor- 
ruft. Das Wohlschmeckende und Nahrhafte mancher Pflanzen- 
theile liegt eben in der Kombination dieser mit jenen Pflan- 
zenstoffen, worin insbesondere die Früchte eine so grosse Aus- 
wahl darbieten.- 


49 


Die stickstoffhaltigen Bestandtheile sind ebenfalls entwe- 
der indifferent, oder sie tragen am häufigsten die Natur einer 
Base. Alle jungen Pflanzentheile, die Samen, Knospen u. s. w. 
besitzen die stickstoffhaltigen indifferenten Stoffe in verhält- 
nissmässig grösster Menge. Der Kleber, das Eiweiss, das Le- 
gumin der Pflanzen gehört dahin. Man fasst sie alle mit dem 
gemeinsamen Namen der Proteinstoffe zusammen, 

Sie sind nicht nur für den Betrieb des Pflanzenbaues von 
grösster Wichtigkeit, regen und bewegen alles, sind die wah- 
ren Hebel und Aufzugsmaschinen, ohne welche alles stille 
stehen würde, sondern sie sind zugleich jene Stoffe, ohne 
welche ein Thierleben nicht gedacht werden kann, indem 
Fleisch, Blut, Milch u. s. w., wodurch sich eben das Thier 
vor allen andern Wesen so auszeichnet, ihrer Wesenheit nach 
nicht im Thiere selbst bereitet, sondern als bereits gebildet 
von der Pflanze hergeholt wird. Diese bedeutungsvolle Be- 
ziehung zwischen zwei scheinbar so differenten Wesenreihen 
deutet ohne Zweifel auf eine nähere Verbindung beider, als 
man anzunehmen gewohnt ist. Wenn daher Liebig sagt: 
der Thierorganismus sei eine höhere Pflanze, deren Entwick- 
lung mit denjenigen Materien beginne, mit deren Erzeugung 
das Leben der Pflanze aufhöre, so ist dies nichts mehr, als 
was die lauterste Erfahrung an die Hand gibt. 

So wie die Pflanzensäuren, so sind auch die stickstoff- 
haltigen Alkaloide weniger als nothwendige Bestandtheile, als 
vielmehr als Nebenprodukte im chemischen Laboratorio der 
Zelle zu betrachten und mögen so wie die anorganischen Ba- 
sen, welche von Aussen aufgenommen werden, nur den Zweck 
haben, bald hier bald dort etwas auszugleichen (neutralisiren), 


46 


was nicht ohne schärfer hervortretende Differenzen hervorzu- 
bringen möglich war. Wo das nicht thunlich ist, wo jene 
Differenzen, ohne ins Gleichgewicht gebracht zu werden, sich 
vielmehr steigern und anhäufen, da ist auch der Fortbestand 
des Ganzen gefährdet. Die Pflanze ohne diese stetige Selbst- 
versöhnung müsste sich im Kampfe ihrer Elmente und Stoffe 
von selbst aufreiben. 

Wird dies dort und da zuweilen unmöglich oder nur 
theilweise möglich gemacht, so ist die nothwendige Folge Er- 
krankung und Tod. Ein solches bleibendes Siechthum aus 
dieser Quelle finden wir nur zu häufig an unseren Kultur- 
pflanzen, daher dem Gartenbau sowohl als dem Feldbau noch 
viel zu thun bleibt, um diese Fehlerquelle in der Behandlung 
ihrer Schützlinge zu vermeiden. Was Liebig in dieser Be- 
ziehung als. Diätetiker und Prophylaktiker gethan, weiss die 
ganze Welt. 

Um noch einmal einen Blick in das Innere der Pflanze 
zu thun und die verschiedenen Vorgänge, die sich da im 
Stillen fortspinnen, zu betrachten, so können wir nicht genug 
unser Erstaunen darüber ausdrücken, welche Reihenfolge der 
verschiedensten chemischen Vorgänge in einem und demsel- 
ben mikroskopischen Laboratorio vorgehen, und wie selbst in 
dem Gewebe von Zellen einer und derselben Pflanze, eines 
und desselben Pflanzentheiles, ja oft ganz nachbarlichen Zel- 
len die verschiedenartigsten chemischen Produkte zum Vor- 
schein kommen, Hier eine Zelle voll mit wässerigem Pflanzen- 
saft, in welchem Gummi oder Schleim aufgelöset ist, dort eine, 
in welcher noch Zucker zur Lösung hinzutritt, diese mit 


Amylumkörnern erfüllt, jene voll Oeltröpfchen, — hier ganze 


.e 


47 


Gruppen von Zellen mit grünen, dort mit rothen, gelben, 
blauen Farbestoffen erfüllet; hier Bündel, dort Drusen von 
Krystallen einschliessend. ('?) 
Etwas Mannigfaltigeres lässt 


sich kaum sehen, als das, was 


jeder Durchschnitt was immer 


für eines Pflanzentheiles durch 
das Mikroskop betrachtet, dar- 
bietet. 

Wie verändert erscheint nun 
das bisher durchgeführte Bild 


eines Mauerwerkes aus gleich- 


artigen Massen, womit wir die 


Pflanze verglichen, bei der je- 


der Stein nicht blos ein Haus 


für sich darstellt, sondern in 


dem sogar die verschiedensten 


Geschäfte abgethan werden. 
Wahrlich ein Blick in dieses seltsame Bauwerk, wo man von 
Stufe zu Stufe in neue unbekannte Räume geräth, wo man 
mit aller Schärfe des Auges kaum über die Vorhalle des er- 
sten vorzudringen im Stande ist, gewährt nicht viel anderes 
als ein Blick in die Tiefe des Sternenhimmels, in dem die 
Nebelstreifen der Welteninseln uns eben so verbergen, was 
hinter ihnen vor sich geht. 


Fig. 19. Parenchymatische Zellen mit grünen Farbebläschen (Chlorophyll- 
bläschen) 5), — mit Kıystallen e und Krystallgruppen d erfüllet. In 
einigen derselben findet sich noch der Zellkern e. 


SECHSTER BRIEF. 


AUFNAHME UND VERTHEILUNG DER NAHRUNGSSTOFFE, 
AUSSCHEIDUNG DES WASSERS. 


Wenn wir uns den Bau der Zelle noch einmal recht ver- 
gegenwärtigen, so können wir sie nicht anders als eine von 
allen Seiten verschlossene Kammer denken. Soll diese beste- 
hen, soll sie sich vergrössern und in sich sogar neue Kammern 
zimmern, so muss sie den Bedarf dazu von Aussen beziehen. 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und was sie 
sonst noch an Alkalien und Erden bedarf, kann unter diesen 
Umständen nur in luftförmiger oder flüssiger Form in sie ge- 
langen: der Kohlenstoff also nur als Kohlensäure, der 
Stickstoff als Ammoniak, die Erden und Alkalien nur als 
Salze, — alles vom Wasser aufgelöset. Die mit einer grös- 
seren oder geringeren Menge von Flüssigkeiten erfüllte Zelle 
kann diese Rohstoffe, ihre Nahrung, ferner nur aufnehmen, 
wenn sie mit diesen in unmittelbaren Kontakt tritt. Hierin 
beruht das ganze Geheimniss der Aufnahme der Nahrungs- 
stoffe, hierin auch die ganze Weiterbeförderung in dem Falle, 
als die Pflanze aus mehr als Einer Zelle besteht. Zu dem 
ganzen Vorgange bedarf es weder eines Pumpwerkes noch 
einer Hebmaschine. Alles geschieht aber doch so präcise wie 


49 


in der besten Maschinerie und dabei so unmerklich, dass in 
der That nicht die geringste Kraftanstrengung dabei nöthig 
ist, als jene, welche Flüssigkeiten von ungleicher Dichte oder 
Körpertheilchen überhaupt auf einander ausüben. Auch hier 
erweiset sich von Neuem die grosse Meisterschaft des Pflan- 
zenarchitekten, der allen Apparat verschmäht, und doch schnel- 
ler und sicherer zum Ziele gelangt, als die Erbauer aller un- 
serer grossen Bauwerke. Haben wir früher die Pflanze als 
Chemiker zu bewundern Gelegenheit gehabt, so wird das nicht 
minder in Anbetracht ihrer physikalischen Tüchtigkeit und 
Vollendung der Fall sein, 

Das erste und wichtigste Geschäft für den Betrieb des 
Lebens bleibt die Zufuhr der Nahrungsflüssigkeit, mit der die 
Pflanze durch ihre unteren im Boden stehenden Theile fast 
immer in Berührung kommt. Das mit kleinen Mengen von 
Kohlensäure, Ammoniak und einigen Salzen geschwängerte 
Wasser kommt da mit den äussersten Zellen der Pflanze in 
Berührung, die natürlich von ganz anderen Säften, immerhin 
aber mit concentrirten Flüssigkeiten erfüllet sind. 

Zufolge des Gesetzes des Austausches ungleichartiger 
Flüssigkeiten können dieselben keinen Augenblick neben ein- 
ander existiren, ohne auf einander einzuwirken. 

Wenn wir ein zur Hälfte mit Wasser gefülltes Glas lang- 
sam mit rothem Weine voll machen, so werden zwar eine Zeit 
lang beide Flüssigkeiten durch scharfe Grenzen von einander 
geschieden bleiben; nach und nach werden sie sich aber zu 
vermischen anfangen und zuletzt wird es keinen Flüssigkeits- 
theil mehr geben, der nicht Wein und Wasser zu denselben 


Theilen vermischt darstellte. Diess geschieht auch, obgleich 
Botanische Briefe, 4 


50 


etwas langsamer, wenn beide Flüssigkeiten durch eine Haut 
von einander getrennt sind, oder wenn eine derselben in eine 
Blase gefüllt mit der andern in Berührung kommt. Die Blase 
hindert die Einwirkung der Flüssigkeiten auf einander nicht, 
da sie dieselbe durchdringend immer wieder zusammentreffen 
und sich ins Gleichgewicht setzen müssen. Ist die koncen- 
trirtere Flüssigkeit von der Blase eingeschlossen, so wird 
mehr von der minder koncentrirten in diese übergeführt, als 
von derselben nach Aussen austreten. Die Blase wird sich 
füllen und endlich sogar bersten; ist jedoch umgekehrt die 
koncentrirtere Flüssigkeit ausserhalb der Blase, so wird ihr 
Inhalt vermindert und dieselbe nach und nach zusammenfal- 
len. Von diesen beiden Verhältnissen findet nur das erstere 
bei der Pflanzenzelle statt, die mit der überall verbreiteten 
verdünnten Nahrungsflüssigkeit in Berührung tritt; es kann 
nicht anders als ein Eintritt derselben in die Zelle erfolgen, 
oder wie es die Physiker nennen, eine Endosmose statt- 
finden. 

Bei dem gewöhnlich vorkommenden Koncentrationsgrade 
des Zellinhaltes lässt sich sogar berechnen, dass dieser Ein- 
tritt der Flüssigkeit in den Zellraum mit einer Kraft geschieht, 
welcher dem Drucke von anderthalb Atmosphären das Gleich- 
gewicht hält, somit auf einem ganz gewöhnlichen physikali- 
schen Vorgang beruht, der sich schätzen und messen lässt. 

Allein nicht bloss die Aufnahme, sondern auch die Wei- 
terförderung und Vertheilung der Säftemasse erfolgt bei der 
Pflanze, welche aus einer Mehrheit solcher Saugapparate be- 
steht, auf dieselbe Weise, vorausgesetzt, dass die verschie- 
denen Zellen, woraus sie besteht, Flüssigkeiten von verschie- 


denen Koncentrationsgraden und Quantitäten enthält, was auch 
der Fall ist. 

Gummilösungen, Zuckerlösungen und Proteinsubstanzen 
nehmen hierin einen sehr verschiedenen Antheil, und jene 
Zellen werden unter übrigens gleichen Umständen immer mehr 
Säfte an sich ziehen, in welchen sich die meisten Proteinstoffe 
befinden. Da diess die jungen eben in der Entwicklung be- 
griffenen Zellen sind, so muss eben dahin der Saftstrom ganz 
vorzugsweise geleitet werden. Dieser Umstand führt aber 
einen andern herbei, der mit der Ausbildung der Zellen selbst 
in direktem Zusammenhange steht, und der darin besteht, 
dass, wenn die Richtung des Saftstromes durch diese Um- 
stände bedingt ist, auch die Ausbildung der Zelle sich dar- 
nach richten muss. Es wird die anfänglich rundliche Zelle, 
durch welche fort und fort der Saftstrom eine und dieselbe 
Richtung befolgt, eben in derselben eine stärkere Ernährung 
und dadurch einen grösseren Zuwachs erhalten, so dass man 
aus der ungleichen Vergrösserung derselben auf die Richtung 
des Saftstromes schliessen kann. Alle verlängerten Zellen, 
alle schlauchartigen, cylindrischen und prismatischen Formen 
haben offenbar hierin ihren Ursprung und die früher erwähn- 
ten Gefässe sind nichts anders, als solche früh altgewordene 
und abgestorbene Cylinderzellen, in welchen der Saftstrom 
auf das Lebhafteste vor sich ging, und selbst in der ausge- 
bildeten Pflanze bezeichnen eben die Bündel solcher Zellen 
und Gefässe (Gefässbündel) die früher vorhandene und theil- 
weise noch stattfindende Richtung des Saftstromes (*°). 

Es geht aber aus dieser Einrichtung von selbst hervor, 


dass die Pflanze keine solchen Kanäle bedarf, in welchen die 
4* 


92 


Fig. 20. Nahrungsflüssigkeiten 
weiter befördert wer- 
den, wie sie die Thiere 
nöthig haben, wo die 
Ermährung und Wie- 
dererzeugung der Sub- 
stanz ganz andern Be- 
dingungen unterworfen 


ist, als wie ın der 


Pflanze. 
Die ganze Auf- 


nahme und Verthei- 
lung der Säfte der 


Pflanzen und als Folge 


== davon die Emährung 
= und das Wachsthum 
= hängt sonach von der 


= DDDDDDDDDNDDDIN 


I 


& Beschaffenheit der Zell- 
membran und von den in den Reihen der Zellen selbst fort 
und fort zunehmenden Koncentrationsgrade des flüssigen In- 


Fig. 20. Wenn man eine weissblühende Hyacinthe, ohne sie aus dem Topfe 
zu nehmen, mit dem geklärten Safte der Kermesbeere (Phytolacca decan- 
dra) begiesst, so gewahrt man schon nach einigen Stunden eine röth- 
liche Färbung der Blüthen, was nur daher rühren kann, dass der inten- 
siv rothe Saft der Kermesbeere unverändert von den Wurzeln aufgenom- 
men, durch den Schaft weitergeführt und bis in die farblosen Zellen der 
Blüthenhülle geleitet wird. Indem man alle diese Theile von oben bis 
unten anatomisch untersucht, lässt sich ganz augenfällig der Weg nach- 
weisen, auf welchem die Saftleitung geschah. Ein Stückchen aus dem 
untern Theile der Blüthenhülle, welches Fig. 20 darstellt, zeigt, dass 
alle mit Pfeilen bezeichnete Zellen den rothen Saft der Kermesbeere ent- 
hielten und auch weiter nach aufwärts nach der Richtung der Pfeile ge- 
führt haben. Es zeigt sich ferner, dass bei dieser Saftführung sich we- 
der die Spiralgefässe «a. «a, noch die Luftgänge b.b betheiligten. 


5 


haltes ab. Ohne der Eigenschaft der Cellulose oder des Mem- 
branstoffes für wässerige Flüssigkeiten durchdringlich zu sein, 
ohne von denselben aufgelöset und verflüssiget zu werden, 
würde überhaupt kein Bestand der Zelle im Konflikte mit 
- Wasser und Feuchtigkeit, und überdies keine Aufnahme der- 
selben in das Innere möglich sein. Ohne reihenweise zuneh- 
mende Koncentration der Säfte in den Zellen, würde eben so 
wenig eine Mittheilung von einer in die andere erfolgen 
können. 

Um das Letztere zu bewirken, sind zwei Vorgänge un- 
umgänglich nothwendig, wovon der eine das nöthige Mass der 
Koncentration unabhängig von aller chemischen Veränderung 
fort und fort regulirt, der andere die Umwandlung der auf- 
genommenen Flüssigkeit einleitet und auf chemischem Wege 
zu demselben Zwecke gelangt. Beide Prozesse, oft in ihren 
gegenseitigen Wirkungen gestört, bringen doch in ihrer Kom- 
pensation hervor, dass nie ein Stillstand in der Bewegung 
eintritt und daher auch jeder Pflanzentheil zu allen Zeiten den 
nöthigen Bedarf von Bildungsstoffen erlangt. Der eine Vor- 
gang ist der der Verdunstung, der andere jener der As- 
similation. 

Mit alleiniger Ausnahme der Wasserpflanzen sind alle 
Gewächse, und wenn sie auch nur aus einer einzigen Zelle 
bestehen, theilweise der Luft ausgesetzt, die nicht ohne Ein- 
wirkung auf sie bleiben kann. Die auffallendste Wirkung da- 
von ist die Verdunstung des Wassers, welches die Zellhaut 
stets erfüllt, und welches daher immer wieder von Innen aus 
ersetzt werden muss. Es kann nicht anders kommen, als 


dass zuletzt die Säfte im Innern der Zelle nach und nach 


> 


ärmer an Wasser, somit koncentrirter werden, und die wei- 
tere Folge davon ist, dass der Saftstrom dahin gerichtet sein 
wird, wo sich das Bedürfniss von Wasser am meisten zeigt. 

Würden bei mehrzeiligen Pflanzen die Zellen der äusse- 
ren Schichten gleich jenen der inneren Schichten gebaut sein, 
so wäre nicht abzusehen, warum der Ersatz von Flüssigkeit 
nicht bei allen in gleichem Masse erfolgen, und warum der 
Saftstrom nicht gleichmässig nach der ganzen Peripherie der 
Pflanze stattfinden sollte. 

Dem ist aber nicht so, da gerade die peripherischen Zell- 
schichten so manche Einrichtung haben, wodurch die Verdun- 
stung erschwert und verlangsamt wird, in Folge dessen es ge- 
wissen andern Theilen des Zellgewebes möglich wird, den Saft- 
strom an sich zu ziehen. Nur durch diese sinnreiche Einrich- 
tung gelingt es der Pflanze, den von Zelle zu Zelle fortschrei- 
tenden Strom der Säfte an jene Stellen zu ziehen, wo vor- 
zugsweise Neubildungen stattfinden. Indess gibt es nicht 
wenige Theile der Pflanze, die der Verdunstung des Wassers 
ganz besonders unterworfen sein müssen, und das sind alle 
jene, welche bedeutende Flächen darbieten, also die Blätter. 
Man kann sagen, dass diese Organe, indem sie die Verdun- 
stung befördern, ganz vorzugsweise die Erneuerung des Zell- 
inhaltes und den Stoffwechsel überhaupt begünstigen und da- 
her als die wichtigsten Hebel des Wachsthumes angesehen 
werden müssen. Wenn man bedenkt, dass ein Blatt von 
mittelmässiger Grösse täglich im Durchschnitt 1—2 Gram- 
men Wasser ausdünstet, und dass dies für die ganze Pflanze 
und für einen Morgen Landes berechnet in dem ersteren 
Falle wenigstens 50 Grammen, im anderen 60,000 Pfund be- 


55 


trägt, so ist der oben für die ganze Vegetationszeit ange- 
führte Bedarf eines Morgen Landes von 6 Millionen Pfund 
wohl ganz begreiflich. Von dieser enormen Menge kommt 
indess kaum ein Drittel für die verschiedenen Stoffbildungen 
der Pflanze zu Gute. 


SIEBENTER BRIEF. 
ASSIMILATIONS- ERSCHEINUNGEN 


Ich darf wohl voraussetzen, dass keiner meiner Leser 
bei der Erzählung der Vorgänge, welche die Wasseraufnahme 
sowohl als die Wasserabgabe durch die Verdunstung beglei- 
ten, sich diese so gedacht haben wird, als ob das Wasser da- 
bei eine rein transitorische Rolle spielte. Es ist zwar wahr, 
dass das durch den Pflanzenorganismus durchströmende Was- 
ser ganz eigentlich das Mühlrad der Betriebsamkeit in Be- 
wegung setzt, allein es ist eben so wahr, dass es in den 
aufgelösten Nahrungsmitteln der Kohlensäure, des Ammoniak’s 
u. s. w. zugleich das zu Verarbeitende mitführt und sich da- 
bei selbst dadurch betheiliget, dass es wenigstens zum Theile 
aufhört Wasser zu bleiben, und so in die Verwandlung der 
Stoffe mit eingeht. Es würde gegenwärtig noch ein sehr ver- 
messenes Beginnen sein, das Wasser sowohl als die übrigen 
darin aufgelösten Stoffe auf ihren Wanderungen sowohl als 
in ihren Metamorphosen zu verfolgen, doch so viel ist gewiss, 
dass dieselben in die Zellen eingedrungen, bald ihren ur- 
sprünglichen Charakter verlieren, und nur das, was der Ver- 
änderung, d. i. der neuen Kombination nicht zusagt, mehr 


oder weniger in der primitiven Form von Zelle zu Zelle fort- 


57 


zieht und nicht selten so wie es aufgenommen wurde, wieder 
ausgeschieden wird. Die Säfte der Pflanzen, aus welchen 
Theilen wir sie immer nehmen, enthalten, mit wenigen Aus- 
nahmen weder Kohlensäure noch Ammoniak, noch humus- 
saure Salze, sondern fast durchaus andere Verbindungen der 
Elementarstoffe, und beweisen daher, dass sie bereits mehr 
oder minder zu Assimilationsprodukten umgeschaffen 
wurden. Von der Energie, womit diese Verwandlung betrie- 
ben wird, die aber natürlich ganz vorzüglich von Aussenver- 
hältnissen, namentlich von der Temperatur und dem Licht- 
einflusse abhängig ist, sind mehrere Erscheinungen abzuleiten, 
die nicht unwichtig, sowohl für die Pflanze selbst, als für 
den Haushalt der gesammten Natur sind. Zu diesen Erschei- 
nungen gehört vor allen andern das Verhältniss der 
Pflanzen zur umgebenden Atmosphäre. Aber auch 
hierin dürfen wir keine andern Vorgänge erwarten, als die 
sind, welche sich aus chemischen und physikalischen Gesetzen 
als nothwendig ergeben müssen. 

Es lässt sich aus dem, was die Pflanze von Aussen auf- 
nimmt, und was sich in der Folge eben daraus hervorgebil- 
det hat, sehr deutlich entnehmen, dass sie dabei keine geringe 
Menge von Sauerstoff erübriget. Dieser Sauerstoff muss ab- 
geschieden werden, und da die Pflanzensäfte selbst nur eine 
geringe Quantität aufzunehmen im Stande sind, so muss aller 
Ueberschuss an die Atmosphäre abgegeben werden. In der 
That findet sich dies auch durch die Erfahrung bestätiget, 
und namentlich bemerken wir unter jenen Umständen, welche 
eine raschere Umwandlung der Stoffe, also einen grösseren 
Verbrauch von rohen Nahrungsmitteln herbeiführen, die Aus- 


38 


scheidung von Sauerstoff in einem bedeutenden Masse gestei- 
gert. Es ist wohl begreiflich, dass bei direkter Einwirkung 
der Sonne und des Lichtes überhaupt die Geschäftigkeit der 
Pflanze sichtlich zunimmt. Wir sehen desshalb auch die Ent- 
wicklung von Sauerstoffgas aus der Pflanze unter die- 
sen Umständen bedeutend vermehrt. Blätter und grüne Pflan- 
zentheile überhaupt unter Wasser gebracht und dem Sonnen- 
lichte ausgesetzt beschlagen sich bald dicht mit Luftbläschen, 
die gesammelt und untersucht sich als Sauerstoffgas zu er- 
kennen geben. Die Quantitäten von Sauerstoffgas, welche 
sich in heiteren Sommertagen auf Wiesen und in Wäldern 
entwickeln, kann daher nicht unbedeutend sein. Der schat- 
tige Baum wirkt nicht blos durch seine Kühle einladend auf 
uns, sondern ohne dass wir es merken, auch noch durch das 
Wohlbehagen, das mit der Einathmung einer sauerstoffreiche- 
ren Luft nothwendig verbunden ist. Die raschere Konsum- 
tion der Nahrungsmittel und namentlich der durch das auf- 
genommene Wasser eingeführten Kohlensäure reicht unter die- 
sen Umständen sogar nicht einmal aus, und die ihrer Koh- 
lensäure ganz und gar beraubten Pflanzentheile suchen, da 
die eine Quelle nicht mehr genügt, sie auf was immer für 
eine Weise zu erhaschen. Hierzu sind aber alle peripheri- 
schen Pflanzentheile, die mit der Luft in Berührung stehen, 
ganz geeignet. Die in ihnen enthaltenen Säfte werden ihrer 
ganz auf dieselbe Weise habhaft, wie ein jedes Wasser, das 
der Luft ausgesetzt wird, sich mit Kohlensäure schwängert. 
Die Pflanze empfängt dabei dem Volumen nach oft eben so 
viel, als ihre ganze Flüssigkeitsmenge beträgt. Wir schen 


also, dass mit der Ausscheidung von Oxygen zugleich 


59 


eine Aufnahme von Kohlenstoff stattfindet, und dass 
beide Prozesse ganz und gar von den chemischen und physikali- 
schen Vorgängen in der Pflanze und um die Pflanze abhängig sind. 
Es darf uns daher keineswegs Wunder nehmen, wenn unter 
veränderten Verhältnissen, wo das Licht nicht einwirkt und 
alle Prozesse der Assimilation verlangsamen , auch ein ganz 
anderes, dem ersteren fast entgegengesetztes Resultat zu Tage 
kommt. 

Betrachten wir dieselbe Pflanze, die bei Tage Sauerstoff- 
gas entband und Kohlensäure aus der Luft aufnahm, bei der 
Nacht. Da die Thätigkeit der Aufnahmsorgane bei hinrei- 
chender Nahrung zu allen Zeiten fast dieselbe erscheint, die 
Assimilation und der Verbrauch aber sich vermindert, so kann 
es nicht anders kommen, als dass Kohlensäure im Pflanzen- 
safte sich dergestalt anhäuft, dass sie in demselben nicht mehr 
aufgelöset erhalten werden kann, und wie nur immer Gelegen- 
heit dazu ist, unverdaut wieder abgegeben wird. 

Dazu sind nun wieder die peripherischen Pflanzentheile, 
die mit der Luft in Berührung stehen, am geeignetsten, und 
dieselben Organe, die bei Tage ein Bedürfniss zur Aufnahme 
selbst der geringen in der atmosphärischen Luft enthaltenen 
Kohlensäure zeigen, sind es, die bei Nacht die Abgabe noch 
viel grösserer Quantitäten derselben vermitteln. Dabei kommt 
es nun ganz natürlich, dass wegen Mangel des freien Sauer- 
stoffes in den Pflanzensäften, ein Uebertritt desselben aus der 
Luft, mit andern Worten eine Absorbtion nothwendig statt- 
finden muss; doch ist derselbe immerhin nur sehr gering und 


beträgt nach den hierüber angestellten Versuchen höchstens 


60 


4.5 Procent bis 6.5 Procent des Volumens der in der ganzen 
Pflanze enthaltenen Flüssigkeit. 

Die Ausscheidung der Kohlensäure bei Nacht hält der 
Aufnahme derselben bei Tage keineswegs das Gleichgewicht. 
Es wird also immerhin von der Pflanze mehr konsumirt, als 
an die Atmosphäre zurückgegeben. Diess hat denn die Folge, 
dass die Luft in den Thälern und auf mässigen Gebirgshöhen, 
die mit einer reichen Vegetation bedeckt sind, allerdings zeit- 
weilig etwas ärmer an Kohlensäure ist, als jene höherer Re- 
gionen, allein hier hilft die Bewegung der Luft sogleich wie- 
der das gestörte Gleichgewicht in den Bestandtheilen derselben 
in Ordnung zu bringen. 

So sehen wir denn, wie selbst unter allen Verhältnissen 
für das Gedeihen der Pflanze gesorgt ist, wie sie fast überall 
das, was sie bedarf, findet, und ihre Existenz daher nicht im 
Mindesten Zufälligkeiten anheimgestellt ist. 

Obwohl wir noch Laien sind, und uns kaum die allerein- 
fachsten Prozesse, die bei der Entstehung der Pflanzensub- 
stanz stattfinden, zu erklären vermögen, so sehen wir doch, 
wie nichts ohne Gesetze vor sich geht, und die Bildung auch 
nur Eines Atomes Zucker oder Zellsubstanz von Tausend ein- 
leitenden Prozessen vorbereitet wird und eben so viele weitere 
Vorgänge der Lebensthätigkeit der Pflanze zur Folge hat. 
Wie aus den aufgenommenen kohlensauren Salzen nach und 
nach oxalsaure, andere pflanzensaure, pektinigsaure Salze, 
endlich nach anderweitiger Bindung der Basen, Zucker und 
die verwandten Kohlehydrate daraus gebildet werden können, 
lässt sich bis jetzt zur Noth noch erklären; aber schon anders 


ist es mit: den stickstoffhaltigen PfAlanzenbasen und mit den 


61 


Proteinkörpern selbst, für deren Entstehung wir noch zur 
Stunde nicht die geringsten Anhaltspunkte besitzen. 

Das Licht aber, welches ein deutscher Physiolog, M. J. 
Schleiden, in diese bisher so dunkle, von falschen Vor- 
aussetzungen wimmelnde Partie der Botanik gebracht hat, die 
glänzenden Erfolge, die er der Wissenschaft durch die Schärfe 
seines Verstandes gesichert hat, lässt erwarten, dass die Fin- 
sterniss von nun an verscheucht ist. Werden es sich die 
kommenden Pflanzenphysiologen zur Aufgabe machen, Retorte 
und Phiole selbst in die Hand zu nehmen, und es nicht dem 
Chemiker überlassen, was er ihnen, nach andern Zwecken 
trachtend, nebenbei mitgibt, so lässt sich auch für dieses bis- 
her so sehr in Schatten gestellte Studium eine reichere Ausbeute 
erwarten, die hinwieder nicht lange brach liegen wird, um 
das wichtigste Gewerbe, den Ackerbau, zu einer rationellen 
Kunst zu erheben. — Doch in welche Zukunft führen mich 


meine schönen Träume! 


ACHTER BRIEF. 
GESTALTUNG DER PFLANZE. GRUNDORGANE 


Mit der Bildung organischer Substanzen aus anorgani- 
schen Verbindungen der einfachen Stoffe ist für die Pflanze 
wohl das Gummi, der Zucker, der Zellstoff, das Protein 
u. s. w. gegeben, allein es fehlt noch sehr viel, dass diesel- 
ben auch in der Form erscheinen, wie wir sie in der Pflanze 
als Theile der Zellen wahrnehmen. Die Kraft, die ihnen die 
bestimmte Form ertheilt, ist jedenfalls von der chemischen 
Affinitätskraft verschieden und ohne sie näher zu kennen, hat 
man sie mit dem Namen Bildungstrieb bezeichnet. Dieser 
ist es nun, welcher die Proteinstoffe zu kugelförmigen Massen 
zusammenballt, dieser ist es, welcher über sie eine Schichte 
von Cellulose abscheidet und so den ersten Entwurf der Ge- 
staltung der Zelle zu Stande bringt. Auch ist es keine an- 
dere Kraft, als der Bildungstrieb, welcher dies Geschäft un- 
endliche Male wiederholt und eben dadurch nicht blos die 
Ausbildung von Zellenkomplexen bedingt, sondern auch für 
die Vervielfältigung derselben Sorge trägt. Mit einem Worte, 
der Bildungstrieb, jene zwar in ihren Wirkungen keineswegs, 
aber in ihrem Wesen bisher bekannte Kraft, der eigentliche 


63 
Werkmeister der Pflanze ist es, welcher ihr das Dasein gibt, 
sie erhält und vervielfältiget, und von dem in letzter Instanz 
ohne Zweifel auch die Verschiedenheit der Form abhängt, in 
die sich die Idee der Pflanze gekleidet hat und noch fortan 
kleidet. 

Wenn wir auch in der Natur manche Vorgänge erblicken, 
die der Bildung der Elementartheile der Pflanzen ähnlich sind, 
wie z. B. die Bildung der Krystalle, so ist die Entstehung 
jener genauer betrachtet, doch himmelweit von dieser ver- 
schieden und eben darum Zelle und Krystall, Pflanze und 
Mineral durchaus nicht mit einander zu vergleichen, 

Doch gehen wir über die Entstehung der Zellen hinaus, 
so eröffnet doch die Art und Weise ihrer Vereinigung noch 
so viele Fragen, dass wir gerne länger in diesem zugäng- 
licheren Gebiete der Forschung verweilen wollen, als in jenen 
Tiefen, die wir selbst mit der glücklichsten Abstraktion noch 
kaum zu ergründen im Stande sind. 

Durchmustern wir die Pflanzen, aus welchen Regionen 
der Erde, aus welchen Perioden der Schöpfung sie immer 
kommen mögen, so lässt sich in den so mannigfaltigen Form- 
unterschieden doch nur eine einzige durchgreifende Grund- 
verschiedenheit wahrnehmen. Alle Pflanzen ohne Aus- 
nahme sind entweder nur Zelleinheiten, d.h. sie beste- 
hen nur aus einer einzigen Zelle oder sie sind Komplexe 
einer grösseren oder geringeren Anzahl von Zellen. Jene 
sind einzellige, diese vielzellige Pflanzen. Bei der 
Vielgestaltigkeit der Zelle lässt sich wohl voraussehen, dass 
auch einzellige Pflanzen sich sehr mannigfaltig auszubilden 
im Stande sind, doch wird diese Mannigfaltigkeit immerhin 


64 


gegen die Reichhaltigkeit zusammengesetzter Formen weit nach- 
stehen müssen. 

Da wir bereits aus dem Vorhergehenden wissen, dass die 
Mehrzelligkeit der Pflanzen nur die Folge der Generations- 
thätigkeit der ursprünglich Einen Zelle ist, so drängt sich 
uns zunächst die Frage auf, ob den einzelligen Pflanzen die- 
ses Vermögen fehl. Wir antworten darauf Ja und Nein. 
Nein in so ferne, als auch die einzelligen Pflanzen sich fort- 
zupflanzen vermögen, und Ja in so ferne, als zwischen der 
Fortpflanzung dieser und jener ein bedeutender Unterschied 
ist, so dass was jene so zu sagen auf den ersten Streich er- 
reichen, bei diesen nur durch Reihen von Zeugungen mög- 
lich ist. 

Es ist ein tiefsinniger Gedanke, der durch die ganze be- 
lebte Natur dringt, dass bei der Hinfälligkeit der Einzelwesen, 
die schon mit ihrer Entstehung gegeben ist, dennoch ihr Bestand 
in der Zeit dadurch gesichert ist, dass sie mit demselben Ent- 
wicklungsvermögen ausgerüstete Keime von sich abzustossen 
vermögen. Nicht blos die Erzeugüng solcher Keime, sondern 
auch die Abstossung von dem Mutterkörper und ihre Indivi- 
dualisirung bedingt jenen Vorgang, den man Fortpflanzung 
zu nennen gewohnt ist. Nur durch die fortwährende Bildung 
sich sondernder, ablösender und für sich bestehender Zellen 
bleibt eine Pflanze einzellig; wo das nicht der Fall ist, wo 
die erzeugten Zellen sich nicht von der Mutterzelle trennen, 
wo sie sogar aufhören weiter produktiv zu werden (Dauer- 
zellen), entsteht ein Zellenkomplex. Allein auch in solchen 
Zellenkomplexen gelingt es, nach Reihen auf einander folgen- 
der Zellen solche sich ablösende, sich sondernde Zellen, wahre 


65 


Fortpflanzungszellen hervorzubringen. Die ganze grosse, die 
Erde umfassende, durch alle Zeiten dringende Pflanzengestal- 
tung bewegt sich einzig und allein um die frühere oder spä- 
tere Erreichung dieses Zieles, und die ganze Fluth der Ge- 
stalten, die tausendfältigen Formen der Gewächse drücken in 
der That nichts anderes als diese Oscillation zwischen unend- 
lich weit von einander abstehenden Grenzen aus. Die Er- 
ringung der Fortpflanzungszelle ist das einzige Bestreben der 
Pflanze, und wo sie diese nicht rasch erreicht, ist sie genö- 
thigt die mannigfaltigsten Wege einzuschlagen, die seltsamsten 
Vorarbeiten ins Werk zu setzen, und so eben das hervorzu- 
bringen, was wir Pflanze nennen, und das uns in seiner 
Mannigfaltigkeit so wunderbar anspricht. 

Es kann hier nicht die Absicht sein, den Bildungstrieb 
der Pflanzen in allen seinen Phasen zu verfolgen, doch kön- 
nen wir es nicht ausser Acht lassen, wenigstens das Wesent- 
liche der Pflanzenformen mit Einem Blicke zu durchspähen. 

Es ist sehr einflussreich für die Bedeutung der Grund- 
form des Pflanzenbaues, wenn wir selbst in den einzelligen 
Pflanzen hie und da eine solche Vertheilung gewisser Bil- 
dungen wahrnehmen, wie sie bei den meisten Zellenkomplexen 
erscheinen. Das runde Bläschen der Zelle dehnt sich vorerst 
nach zwei einander entgegengesetzten Richtungen aus, und 
wird zu einem der Erde zugekehrten und in die Luft sich 
verlängernden Schlauch (?'). Die in der Erde vorhandenen 
Nahrungsstoffe und ihre Gewinnung einerseits, so wie die 
Hingebung an Luft und Licht für ihre Assimilation anderer- 
seits, scheinen die vorzüglichsten Momente zu sein, die die Zelle 
zum auf- und abwärtswachsenden Schlauch, zum Vorbilde 


Botanische Briefe. 5 


66 


von Stamm und Wurzel, d. ı. zur Achse be- 
stimmen. Indess bleibt es dabei nicht stehen. 
Sowohl von der einen als von der anderen 
Richtung geht noch ein zweiter Gegensatz aus, 
gleichsam eine Wiederholung der Achse, 
— im absteigenden Theile als grössere oder 
kleinere Aussackungen, — im oberirdischen 
Theile ebenfalls als Aussackungen, aber von 
jenen verschieden. 

Wer erkennt in dieser einfachsten Form, 
in der die Pflanze so erscheint, nicht alle 
wesentlichen Organe, die sich selbst 


im Komplexe von Zellen immer wieder gel- 
tend zu machen suchen. Eine Achse ist es, die sich vor 
allen aus den einzelnen Zellenelementen aufzubauen sucht mit 
dem Bestreben, sich nach den beiden entgegengesetzten En- 
den zu verlängern, ein lebender Magnet, der an beiden Polen 
anzieht und abstosst, und sowohl mit der Erde als mit der 
Luft in einem steten Wechselspiele von Stoffen begriffen ist, 
durch die er eben nur zu existiren im Stande ist, der nega- 
tive Pol der Erde, der positive der Luft und dem Lichte zu- 
gekehrt. 

Fast nirgends in der Pflanzenwelt bleibt es jedoch bei 
dieser einfachen Achse. Das Bestreben ihrer Vervielfältigung, 
— ihrer Entäusserung tritt allenthalben hervor, und so gehen 


ähnliche Zellenkomplexe aus der primitiven Anreihung als 


Fig. 21. Eine einzellige Pflanze aus der Klasse der Algen, nämlich Bo- 
trydium argillaceum "Wallr. — Aus einem runden Bläschen durch Ausdeh- 
nung nach entgegengesetzten Richtungen entstanden, ist es ein Vorbild 
der komplizirtesten Pflanzengestalt. 


67 


sekundäre Achsen hervor, auf der tiefsten Bildungsstufe 
allerdings noch die Form der primären Achse deutlich wieder- 
holend, bei weiterer Ausbildung im Pflanzenreiche, von der 
Achsenform mehr oder minder abweichend. So entstehen auf 
der einen Seite der Achse jene so mannigfaltig gestalteten 
Anhangsorgane, die wir Blätter nennen, während nach der 
andern Seite die ursprüngliche Achsen- oder Cylinderform in 
den "Ausstrahlungen der Wurzel in wenigen Abänderungen 
erhalten bleibt. 

Auf diese Grundform der ausgebildeten Zelle, wie sie 


in einigen Algen (Botrydium, Valonia, Caulerpa) u. s. w. er- 


scheint, auf diese Grundform, die sich in den einfachsten 
Zellenkomplexen zu erkennen gibt, lassen sich alle noch so 
mannigfaltigen Formen des Gewächsreiches zurückführen, und 
wenn es auch zuweilen den Anschein hat, als walte nicht das 
Lineare in der Anordnung der Elementartheile vor, so ist es 
doch überall versteckt, theils durch das relative Uebergewicht 
anderer Bildungsrichtungen, theils durch später aufgedrungene 
mit jenem nicht in ursächlichem Verbande stehender Massen- 
entwicklung, so dass wir selbst in den ungestaltetsten und in 
den ausgesprochensten Flächenformen dennoch das ursprüng- 
lich Lineare nachzuweisen im Stande sind. 

Wir können daher mit gutem Fug und Recht sagen, die 
Pflanze sei, entkleidet von allen Zufälliskeiten, der Wesenheit 
ihrer Form nach nichts anderes als ein System von Ach- 
sen. Sehr deutlich und in die Augen springend wird dies 
bei allen nur etwas ausgebildeteren Pflanzen, und von den 
Mosen bis zu den vollendetsten Pflanzen tritt das Achsige 


der Pflanzengestalt der Art hervor, dass man dieselben schon 
5* 


68 


längst als Achsenpflanzen bezeichnete und damit den Unter- 
schied von allen übrigen meist einfacher gebildeten Pflanzen 
auszudrücken suchte, die man nicht ganz glücklich mit dem 
Ausdrucke Laubpflanzen (Thallophyta) belegte. 


NEUNTER BRIEF. 
DIE PFLANZE ALS BEBLATTERTE ACHSE. 
Würde sich die Gestaltung der Pflanze auf die Hervor- 


bringung einer einzigen Achse beschränken, an der sie früher 
oder später, nach wenigen oder zahlreichen Generationen der 
Elementartheile endlich zur Ausbildung der Fortpflanzungs- 
zellen gelangte, so würde ohne Zweifel die grösste Einförmig- 
keit in der Pflanzenwelt herrschen. 

Mit der Entäusserung dieser Verschlossenheit, mit dem 
Hervortreten aus sich selbst ist aber die Produktion neuer 
Achsen nothwendig gegeben und damit die Möglichkeit der 
grössten Mannigfaltigkeit. Mit der Erscheinung der sekun- 
dären Achsen sind die Thore geöffnet, die der entfesselte Bil- 
dungstrieb nach allen Richtungen und in allen Potenzen ver- 
folgt. Was uns in der Pflanzenwelt als Gestaltungsverschie- 
denheit erscheint, die so angenehm auf unsere Sinne als rei- 
zend für die Einbildungskraft wirkt, es ist in nichts Anderem 
als zuletzt in der Bildung dieser sekundären Achsen gelegen. 

Es hat allerdings lange Zeit gebraucht, bis der beobach- 
tende Verstand, die tiefergehende Urtheilskraft und das einende 
Kombinationsvermögen sich durch das Labyrinth der zahl- 
losen Pflanzengestalten Bahn gebrochen, und das unendlich 


Mannigfaltige der Gestaltung, das das Auffassungsvermögen 


70 


fast zu erdrücken suchte, in einige wenige leicht fassliche 
Formen zu vereinigen vermochte. Jetzt, da dies Riesenwerk 
geschehen, ist es uns ein Leichtes, selbst in den fremdartig- 
sten und abenteuerlichsten Gestaltungen das ursprünglich Eine 
Bildungsgesetz zu erkennen. Mit dieser Zauberformel durch- 
wandern wir nicht blos die Wiesen und Wälder der Heimath, 
sondern jeden Riesenwuchs so wie die Pygmäen-Kolonien des 
Gewächsreiches in welchen Ländern, in welchen Höhen oder 
Tiefen sie immer auftreten mögen, ohne besorgen zu müssen, 
auf irgend etwas Unfassliches stossen zu können. Spielen 
nun wirklich die Anhangstheile der Achse eine so wichtige 
Rolle, so ist es sicher der Mühe werth, ihren Einfluss auf 
die Gestaltung etwas näher zu beleuchten. Wir bewerkstelli- 
gen dies aber, indem wir nicht blos die Veränderlichkeit ihrer 
Gestalt und Beschaffenheit im Allgemeinen, sondern eben so 
auch die Succession ihrer Erscheinungen in eine nähere Unter- 
suchung ziehen. Beides wollen wir abgesondert thun. 

Was zuerst die Gestaltung der sekundären Achsen be- 
trifft, die in den einfachen Zellenkomplexen sich weniger von 
der Form der primären Achsen unterscheiden, so ist das bei 
höheren Pflanzen ganz anders; der Formenreichthum, der 
hier erscheint, hat fast gar keine Grenzen, die Abänderungen, 
welche das Blattorgan von der ursprünglich cylindrischen 
Form erleidet, ist hier in das Mannigfaltigste ausgewirkt. Bei 
allen dem ist es jedoch die Flächenform, welche nach und 
nach so die Oberhand gewinnt, dass man sich jedes Blatt 
fast nur unter dieser Form vorstellt. Die einfache conisch- 
eylindrische Pflanzenachse wird in der Regel dadurch eine 
beblätterte Achse. Dieser Ausdruck für die etwas vol- 


7 


lendetere Pflanzengestalt kann füglich als der allgemeinste, 
als der umfassendste betrachtet werden. Alles was daher an 
der Achse erscheint, ist nur Blatt. Im Blatte erschöpft sich 
die ganze Gestaltung, im Blatte ist aber eben desshalb auch 
der grösste Formenreichthum der Pflanzenwelt enthalten. Ueber 
die Blattbildung an der Achse gibt es nichts mehr, und was 
die Pflanze in dieser nicht erreicht, ist jedenfalls für sie un- 
erreichbar. So grosse Mannigfaltigkeit wir daher auch an 
der Achse wahrnehmen, es ist nicht sie, sondern nur das Blatt, 
die es hervorbringt. 

Wollen Sie, meine Leser, um sich in diesem Irrgarten 
der Blattschöpfungen, wie Ihnen das Blattwerk erscheinen 
mag, zurecht zu finden, an meiner Hand vorerst einen Um- 
weg machen, um das Ganze einmal von Aussen zu übersehen, 
und erst dann in denselben eintreten. 

Ein glücklicher Gedanke unseres grossen Dichterfürsten 
war es, der, um sich in der so mannigfaltigen Pflanzenge- 
staltung zu orientiren, ebenfalls nicht in die endlosen ver- 
schlungenen Irrgänge trat, sondern dieselben sich einmal von 
Aussen besah. . Dadurch erschien ihm alles ganz anders, — 
das Wesentlich seheinende wurde zufällig, das Zufällige we- 
'sentlich, kurz er erblickte den Wald, während man ihn der 
Bäume wegen früher nicht sehen konnte. 

In allen höheren Pflanzen wurden Kraut, Blüthe und 
Frucht als wesentlich verschiedene Theile betrachtet. Goethe 
sah zuerst in der Blüthe und in der Frucht das Kraut wie- 
derkehren, so, dass es also nach dieser Anschauungsweise 
eine wesentliche Verschiedenheit in diesen drei Hauptstücken des 
Pflanzenleibes nicht gibt. 


Fig. 22. 


(Ideale Pflanze). 


72 


Fassen wir die Sache etwas 
geläuterter auf, so ist es aller- 
dings das Blatt, was in seiner 
proteusartigen Verwandlungsfä- 
higkeit, in dem Vermögen sich 
nach und nach anders zu gestal- 
ten, erst die unteren dann die obe- 
ren Theile der Achse einnimmt, 
endlich an der Spitze zur Blüthen- 
und Fruchtbildungzusammentritt. 
Die Theile der Blüthe sowohl, als 
jene der Frucht sind fürwahrnichts 
anders als Wirteln von Blättern 


— von Blättern, die sowohl in 


. ihrer Beschaffenheit als in ihrer 


Stellung und Vereinigung sich 
zwar von den übrigen Blättern 
unterscheiden, jedoch nicht in an- 
derer Weise, als etwa in einer 
gradweisen Verschiedenheit, so 
dass durch alle Blattformen hin- 
durch ein stetiger Fortschritt zu 
bemerken ist. Diese Anschauungs- 
weise der Pflanze musste für die 
Erkenntniss der Gestaltung von 
wesentlichem Einflusse sein. Nicht 
das Mannigfaltige ist es, was hier- 
bei in den Vordergrund tritt, son- 
dern das Einheitliche im Mannig- 


faltigen (*?). 


73 


Um dieses recht einzusehen, lassen Sie uns bis auf die 
Entstehung der Blätter zurückgehen. 

Alle Anlagen von Blättern gehen bald nach der Bildung 
der Achsenspitze vor sich und folgen ihr fortwährend, so zu 
sagen, auf dem Fusse nach. Hier treten sie, so wie sich die- 
selbe verlängert, nach einander seitlich hervor, verlängern sich 
wie der Stamm an der Spitze, bis sie ihrer Anlage nach fer- 
tig gebildet sind, und dehnen sich erst hernach in umgekehr- 
ter Richtung von dem freien Ende gegen den Grund hin aus. 
Blätter und Achse unterscheiden sich hiernach wesentlich 
schlechterdings nicht von einander als etwa dadurch, dass 
bei jenen das Wachsthum begrenzt, bei diesen hingegen un- 
begrenzt ist. Die ganze Mannigfaltigkeit der Blattformen 
hängt von der Energie und von den verschiedenen Richtungen 
ab, wodurch die Zellenmassen erzeugt und vertheilt werden. 

So lange die Blätter ganz jung sind, sind sie ohne alle 
Ausnahme einander gleich; ihre Verschiedenheit bildet sich 
erst in Folge des Wachsthumes und der Zunahme ihrer Masse. 
Die jungen Blätter der Blüthe und der Frucht sehen ganz so 
aus wie die Blätter des Stammes; wir sind daher berechtigt, 
zwischen den Blättern des Stammes und jenen der Blüthe 
und der Frucht, und somit auch zwischen diesen Regionen 
der Achse keinen wesentlichen Unterschied zu setzen. Indess 
ist nicht zu leugnen, dass bei ihrer vollständigen Ausbildung 
sich graduelle Unterschiede zu erkennen geben. 

Diese Unterschiede treten oft mehr, oft minder deutlich 
schon von Blatt zu Blatt ein, auffallender aber erst nach 
grösseren Absätzen und nach umfassenderen Umschwüngen. 
In dieser Beziehung gleicht die Pflanze einem aus kleineren 


LE: 


und grösseren Abtheilungen über einander gestellten Baue, 
der bei gleichbleibendem Charakter zwar eine stetige Ver- 
schönerung und Veredlung der höheren Stockwerke erkennen 
lässt, nichts desto weniger aber sowohl in der äusseren Form 
als in der inneren Einrichtung solche Eigenthümlichkeiten 
zeigt, die auf eine verschiedene Benützung und auf ein schär- 
feres Geschiedensein der Theile hinwiesen. Gewisse Blattbil- 
dungen zeigen auch im Pflanzenbau schon äusserlich die die 
aufeinander folgenden Stockwerke trennenden Gurtgesimse und 
andere Vorsprünge des Mauerwerks, und eben so offenbart 
sich im Innern in der Form und im Inhalte der Zellenele- 
mente ein nicht verkennbarer Unterschied solcher mit der 
Aussenseite korrespondirender Abtheilungen. Ja man darf sa- 
gen, erst mit den Blattbildungen und ihrer gegenseitigen Auf- 
einanderfolge tritt die Aehnlichkeit der Pflanze mit einem 
Bauwerke deutlich hervor, während die zwischen den Blatt- 
bildungen fallenden Achsentheile (Interfoliartheile) in ihrer 
Einfachheit kaum einen in so schöner und geschlossener Folge 
ausgeführten Aufbau möglich machten. 


ZEHNTER BRIEF. 
BLATTFORMATIONEN. 


Nach dem Vorausgehenden ist es nun das erste, diese 
Stockwerke des Pflanzenbaues nachzuweisen, ihre Eigenthün- 
lichkeiten zu bezeichnen und die architektonische Verbindung 
unter einander gehörig zu berücksichtigen. 

Soll die Lösung dieser Aufgabe möglich sein, so ist es 
nothwendig, die ursprüngliche Einheit aller Blattorgane wie- 
der aufzuheben und dieselben mehr in ihrem verschiedenen 
Charakter aufzufassen, hiebei aber das offenbar zusammenge- 
hörige Gleichartige unter einen Gesichtspunkt und unter einen 
Ausdruck zu bringen. Indem wir auf diese Weise die Blatt- 
bildungen am Stamme oder an der Achse durchgehen, stellen 
sich uns sieben solcher grösserer, die Einzelheiten zusam- 
menfassender Formationen dar. 

Ich spreche hier nur von den vollendeteren Pflanzen und 
lasse die weniger ausgebildeten bei Seite, wo sich die Blatt- 
formationen sicher auf eine geringere Zahl erheben. Diese 
Blattformationen sind: 1) die Formation der Niederblätter, 
2) die Formation der Laubblätter, 3) die Formation der Hoch- 
blätter, 4) die Formation der Kelchblätter, 5) die Formation 
der Blumenblätter, 6) die Formation der Staubblätter, und 
endlich 7) die Formation der Fruchtblätter. 


76 


Wie der Geognost einen Komplex von Schichten mancherlei 
Natur als zu einer Formation gehörig bezeichnet, so ferne 
sie organische Einschlüsse einerlei Charakters, welche Einen 
grossen Umschwung im Leben des Planeten ausdrücken, ent- 
halten, so betrachten wir hier unter derselben Bezeichnung 
eine Reihe ähnlicher Blattformen als ein zusammengehöriges 
Ganzes, indem wir hierin ebenfalls Einen grösseren Um- 
schwung in der Bildungsrichtung der Pflanze — die Vollen- 
dung eines Stockwerkes erkennen. 

Es dürfte für meine Leser nicht ohne Interesse sein, wenn 
sie mir von Formation zu Formation, oder von Stockwerk zu 
Stockwerk folgen wollten, wobei ich mich anheischig mache, 
Ihnen wie ein unterrichteter Führer Auskunft auf Ihre Fra- 
gen zu geben, Sie auf Dieses oder Jenes aufmerksam zu ma- 
chen, und Ihnen überhaupt bei Betrachtung dieses Gegen- 
standes an die Hand zu gehen. Indess muss ich gestehen, 
dass ich gerade in diesem Punkte selbst Lehrling bin, und 
dass ich nur des Meisters Worte wiedergebe, eines Meisters, 
dessen Namen Sie später erfahren sollen. 

Zur Formation der Niederblätter, die das unterste Stock- 
werk einnehmen, gehören alle Schuppen- und Scheidenblätter 
(Fig. 23 Form. 1I.). Eine breite Basis, geringe Höhe und eine 
meist streifige Berippung zeichnet sie ihrer Form nach, eine 
häufig fleischige, knorpelige oder lederartige Konsistenz, so 
wie eine fahle, gelbliche oder dunkle Farbe ihrer Beschaffen- 
heit nach aus. Alle diese Eigenschaften geben zu erkennen, 
dass diese Blätter der Luft und dem Lichte ganz oder theil- 
weise entzogen sind und gleichsam auf der tiefsten Stufe, der 
ursprünglichen Form am nächsten stehend, geblieben sind. Sie 


bezeichnen so recht eigentlich das Souterrain des Pflan- 
zenbaues, d. i. jenen Theil der Achse, der häufig, obgleich 
nach aufwärts strebend, in der Erde verborgen liegt, und der 
Pflanze gleich der Wurzel zur Befestigung dient. Diese Grund- 
feste der Pflanze ist häufig mit der Wurzel verwechselt wor- 
den, woran aber hauptsächlich nur die Lage und die auf- 
fallendere Verschiedenheit von den oberen Stockwerken die 
Schuld ist. Alle Rhizome, unterirdische Knospen, wie z. B. 
die Zwiebeln, Knollen u. s. w., selbst noch einige oberirdische 
ähnliche Stammtheile gehören hieher, nicht selten sind diese 
auch noch überdies sehr verkürzt, so dass die Niederblätter 
gedrängt und sich gegenseitig deckend erscheinen. 

Die zweite Formation ist die der Laubblätter (Fig. 23 
Form. U.). Hier sind wir eigentlich erst im Rez-de-chaussee, 
oder im ersten Stockwerke, einem in seiner Ausdehnung meist 
sehr umfangsreichen Baue, besonders durch die Mannigfaltig- 
keit der Blattbildungen ausgezeichnet, die man eigentlich als 
Blätter bezeichnet. Stärkere Längenentwicklung bei wenig 
breiter Basis, Verbreiterung am oberen, Zusammenziehung am 
unteren Ende, eine mehr membranöse Beschaffenheit und 
grüne Farbe charakterisiren sie. Ueberdies erfolgt durch Thei- 
lung nach der Länge und Breite hier noch ein solcher Ge- 
staltreichthum, wie wir ihn fast nirgends wieder finden. Die 
Theilung der Länge nach gibt Veranlassung zur Entstehung 
von Mittelblatt und Seiten- oder Nebenblätter, die Theilung 
nach der Quere zur Bildung der mannigfaltig eingeschnittenen 
und zusammengesetzten Blattformen. Auch die Berippung 


zeigt sich der äusseren Form entsprechend als sehr mannig- 
faltig. 


Dieses Blattwerk 
VII. Fruchtblatt- beginnt gleichfalls 
formation. 2 ni 
mit sehr einfachen 
VI. Staubblatt- 
formation Formen (Cotyledo- 
V. Blumenblatt- nen), die sich zu- 
formation  weilen kaum von den 
IV. Kelchblatt- “ Fe 
formation _ Niederblättern unter- 
scheiden, erreicht 
aber bald eine be- 
III. Hochblatt- x 
formation  deutende Entwick- 
lung, und geht all- 
mählig in die nächst- 
folgende Formation 
über. Ein grosser 
. Laubblattfor- . 
II Laubblattfor- "Tyej] selbst vollkom- 
mation 
% 
mener Pflanzen be- 
ginnt seinen Bau mit 
diesem Stockwerke; 
esfehltihnen dasSou- 


terrain, aber der Bau 
I. Niederblattfor- 


FREE wird dadurch keines- 


wegs minder haltbar, 


minder gefällig oder 


Fig. 23. Ideale Darstel- 
lung einer vollkomme- 
nen Pflanze in ihren 
wesentlichsten Theilen. 
Die einzelnen Regio- 
nen der beblätterten 
Achse in sieben For- 
mationen gesondert, die 
obersten sogar künstlich 
aus einander gezogen. 


79 


weniger imposant, ja man möchte fast sagen, dass es zur Gross- 
artigkeit desselben gehöre, unmittelbar mit diesem Stockwerke 
zu beginnen, und die Befestigung des Grundes der abstei- 
genden Achse, d. i. der Wurzel, zu überlassen. 

Es folgt hierauf die Formation der Hochblätter (Fig. 
23 III), wie schon der Name besagt ein von den vorigen ge- 
tragenes erhöhtes Stockwerk. Die Blätter dieser Formation 
nähern sich in ihrer Form und Beschaffenheit einigermassen 
wieder den Niederblättern, indem sowohl die Stiele und die Sprei- 
tenbildung als die grüne Farbe mehr oder weniger verschwin- 
den, aber sie unterscheiden sich von denselben durch die 
schmale Basis und durch den zarteren Bau, der sich nicht 
wenig der folgenden Formation nähert. Die Hüllblätter, Brac- 
teen und Bracteolen, Spelzen und Spreublätter gehören hier- 
her. Sie sind eben durch ihre Kleinheit, zuweilen sogar durch 
ihre Unscheinbarkeit wenig auffallend, haben aber für den 
Gesammtbau der Pflanze keinen geringen Einfluss, indem sie 
den Aufbau des folgenden Stockwerkes vermitteln und so ge- 
wisser Massen die Harmonie zwischen den unteren und obe- 
ren Theilen des Pflanzenbaues herstellen. 

Mit der Formation der Kelchblätter (Fig. 23 IV), 
tritt der mächtigste Unterschied in den Blattformationen ein. 

Das Blatt erscheint sowohl seiner Form als seiner Stel- 
lung nach völlig verändert. Obgleich in seiner Substanz der 
Regel nach den Laubblättern ähnlich, verkleinert es sich doch 
bedeutend und macht vielleicht eben dadurch eine Annäherung 
an gleichartige Blätter möglich, die nunmehr in kaum mess- 
baren vertikalen Abständen auf einander folgen, und daher 


ihr Zusammengehören deutlicher beurkunden, als dies in den 


so 


vorhergehenden Blattformationen der Fall ist. Mit den Kelch- 
blättern beginnt der grösste Gegensatz in der Pflanzenachse, 
nämlich der Blüthe und des Krautes, da die Frucht der Blüthe 
meist untergeordnet erscheint, und auf die Facade des Baues 
weniger Einfluss nimmt. 

Die Kelchblätter sind massiger, derber und grüner als 
die Hochblätter, haben wieder eine breitere Basis, keine oder 
nur eine geringe Verbreiterung oder Spreite und keinen Stiel, 
eben so wenig eine Theilung und zeigen dadurch auffallend 
einen Rückschritt, eine Schwankung, wie dies auch innerhalb 
der Glieder einer Formation vorkommt. — 

Einen desto entschiedeneren Fortschritt offenbart die fol- 
sende Formation der Blumenblätter (Fig. 23 V.). 

Zartheit des Gewebes, Reinheit und Manmnigfaltigkeit der 
Farben zeichnen sie vor allen aus. Die Blumenblätter, eben 
so gedrängt wie die Kelchblätter an einanderstehend, bilden 
das, was man Blumenkrone genannt hat, wahrhaftig das Preis- 
würdigste, wo Zartheit und Schönheit herrschen sollen. Neh- 
met der Blüthe die Blumenkrone und sie sinkt zum unbeachte- 
ten Kraute herunter, gebt ihr Reichthum und Farbenschmelz 
und der Liebesgott zieht in sein Gemach ein. | 

Die Kunst der Gärtnerei besteht einzig und allein in der 
Erweiterung und Ausschmückung dieses Liebestempels. 

Die Blumenblätter sind in der Regel länger als die Kelch- 
blätter, aber an der Basis schmäler, zeigen meist eine starke 
Spreitung, aber keine entschiedene Stielbildung. Durch strah- 
lige, gablige und fiederspaltige Theilung erlangen sie eine 
grosse Formverschiedenheit, eben so durch Eindrücke, Aus- 
wüchse, Verdoppelungen der Fläche u. dgl., wodurch die so- 


sı 


genannten Nebenkronen entstehen. Die beiden Blattformatio- 
nen des Kelches und der Blumenkrone sind indess nicht im- 
mer scharf von einander geschieden, sondern zeigen Ueber- 
gänge, so dass Blumenkronen Kelchen, und umgekehrt Kelche 
Blumenkronen ähnlich werden. Allein was viel häufiger ge- 
schieht, ist die gänzliche oder doch bis auf ein Minimum er- 
folgte Unterdrückung der einen oder der andern Formation 
oder die Verschmelzung beider zu einer einzigen; dieser letz- 
tere Fall tritt namentlich in einer grossen Abtheilung der Ge- 
wächse als Regel auf, und die so zwischen Kelch und Blu- 
menkrone schwankende Formation wird Decke (Perigonium) 
genannt. 

Auf die Blumenkrone folgt nun die Formation der Staub- 
blätter (Fig. 23 VL), dem Anschein nach ein nicht ganz 
passend gewählter Ausdruck, da das Blattartige hier gänzlich 
verschwindet und nur noch der Bedeutung nach zu bestehen 
fortfährt. 

Die Staubblätter sind die kleinsten und sonderbarsten 
Blätter der Blüthe mit entschiedener Stielbildung (Staubfaden) 
und geringer Spreite, welche zu beutelartigen Anschwellungen 
der Seitenhälften wird (Staubbeutel). Nur in wenigen Fällen 
tritt das Blattartige mehr in den Vordergrund, aber dann 
meist auf Kosten der Bildung der Staubbeutel. Die sogenann- 
ten gefüllten Blumen, eine Missbildung der Staubblätter, die 
ihnen das volle Aussehen der Blumenblätter ertheilt, sprechen 
auffallend hiefür. Wer kennt nicht gefüllte Rosen, Nelken, 
Ranunkeln u. s. w., deren Vermehrung der Blumenblätter 
ausschliesslich nur von der Verwandlung der Staubblätter in 


Blumenblätter abhängt. 
Botanische Briefe. 6 


82 


Während die Blätter aller übrigen Formationen einen Be- 
stand haben, und bei dem Aufbaue der Pflanze so wenig als 
die vermittelnde Achse eine vorübergehende Erscheinung sind, 
ist dies bei den Staubblättern umgekehrt als Regel zu betrach- 
ten. Ihre Existenz ist sehr hinfällig und von der rascheren 
oder minder schnellen Ausbildung der Staubbeutel abhängig. 
Dies deutet aber darauf hin, dass in den Staubblättern und 
namentlich in den Staubbeuteln mit ihrer Ausbildung auch 
das Ziel der Pflanze wenigstens nach dieser Richtung hin er- 
reicht sein müsse. 

Endlich als oberstes Stockwerk der Pflanze erscheint noch 
eine Blattformation, die der Fruchtblätter (Fig. 23 VII). 
Auch hier ist das Blattartige weniger in die Augen fallend 
und zwar meist darum, weil die einzelnen Blätter dieser For- 
mation gedrängter als alle übrigen beisammen stehen, in der 
Regel sogar unter sich verwachsen und eine Höhle bilden, 
in welcher die Achse erschöpft durch die vielfältigen Aus- 
strablungen ihr Ende erreicht. 

Die Fruchtblätter sind wieder grösser, mächtiger und 
grüner als die vorhergehenden Blätter der Blüthe, entspringen 
aus schmaler Basis, erweitern sich aber sogleich, während der 
obere Theil sich stielartig zum Griffel zusammenzieht. Diese 
Blätter haben eine grössere Dauer als alle übrigen und ent- 
wickeln sich noch wenn diese meist abgestorben sind. Sie 
sind es, die mit ihrem Einschlusse anfänglich das bilden, was 
man Fruchtknoten nennt, aus welchem sich in der Folge die 
Frucht entwickelt. 

Was über die Fruchtblätter hinaus noch an der Achse 


erscheint, gehört nur den letzten Ausstrahlungen oder viel- 


aD} 


mehr der Auflösung der Achse selbst an; — es sind die Sa- 
menknospen, an welchen weder bestimmte Achsen noch Blatt- 
theile mehr nachgewiesen werden können und daher dem mor- 
phologischen Individuum der Pflanze kaum mehr angehören. 

Auf diese Weise hat mit dem Stockwerke der Frucht- 
blätter die Achse und damit die Ausbildung der Pflanze ihr 
Ende erreicht. Wie sie dabei auch ihr Ziel gefunden, soll eine 


der nachfolgenden Betrachtungen näher auseinander setzen. 


6* 


EILFTER BRIEF. 
ARCHITEKTONIK. PHYLLOTAXIS 


Die Betrachtung des Pflanzenbaues im Ganzen nach den 
grösseren in die Augen fallenden Abschnitten, nach den Stock- 
werken, führt nothwendig auf eine Untersuchung der Einzel- 
heiten und kleineren Abtheilungen, wodurch der gesammte 
Aufbau zu Stande kommt, so wie der Massverhältnisse, die 
hiebei nothwendig stattfinden müssen. Es gehört diese Be- 
trachtung so eigentlich in das Gebiet der Architektur, dass 
wir nicht umhin können, unsere Anschauungsweise den in 
derselben geltenden Gesetzen anzupassen. Erst dadurch wird 
es klar, wie auch in der Pflanzenwelt gleich der übrigen 
Natur bestimmte Verhältnisse und ein unabänderliches Mass 
herrscht, von dem alle Erscheinungen, namentlich die Bil- 
dung und Gestaltung, abhängig sind. Baut die Pflanze, wie 
wir früher erfahren haben, ihren Leib aus eigenen Mitteln, 
nach selbstentworfenem Plane, so steht es wohl zu erwarten, 
dass sie ihn ebenso nach den Gesetzen der Stabilität wie nach 
jenen der Architektonik auszuführen im Stande ist. 

Wenn unser Blick hierbei auch noch nicht in die ganze 
Tiefe der dabei herrschenden Gesetzmässigkeit gedrungen ist, 
so ist es uns doch nicht verborgen geblieben, wie Winkelmass 


s5 
und Senkblei auch bei der Konstruktion des Pflanzenbaues 
ihre Anwendung fanden. 

Lassen Sie mich die Auffassung dieser geometrischen Ver- 
hältnisse mit den einfachsten Wahrnehmungen beginnen. 

Zuerst fällt in die Augen, wir mögen was immer für 
eine Pflanze als Gegenstand unserer Betrachtung wählen, dass 
die hier herrschende Symmetrie in der Anordnung der einzel- 
nen Theile von der Symmetrie der meisten Bauwerke dadurch 
abweicht, dass sie nicht von einzelnen vorherrschenden Rich- 
tungen abhängig gemacht, sondern nach allen Seiten in gleich- 
mässiger Entwicklung durchgeführt wird. Dadurch unterschei- 
det sich der Pflanzenbau sehr auffallend von dem Baue des 
Thierkörpers, wenige Ausnahmen abgerechnet, in welchen 
stets Gegensätze von rechts und links, vorn und hinten 
u. s. w. hervortreten. Die Pflanze hat kein rechts und links, 
kein vorn und hinten, und wenn dies ja zuweilen in der Zwei- 
zeiligkeit der Anordnung ihrer Anhangstheile und selbst der 
Achse erscheint, so ist dies immer nur sehr beschränkt und 
von der herrschenden Anordnungsweise abgeleitet. Eine gleich- 
mässige Anordnung der Theile nach allen Seiten nennen wir 
konzentrisch und eine solche konzentrische Anord- 
nung ist es, welche durchgängig im Baue der Pflanze, na- 
mentlich ihrer Achse und in den Ausstrahlungen derselben, 
den Blättern, ersichtlich ist. Wir können daher die Pflanze 
in dieser Beziehung weder mit einem Palaste noch mit einem 
andern kubischen, parallelepipedischen oder pyramidalen, son- 
dern einzig und allein mit einem runden, nach allen Seiten 
gleichen Bauwerke, mit einem Tempelgebäude oder Thurme 


vergleichen. Die in grösseren Abständen aufeinander folgen- 


56 
den Stockwerke haben wir bereits kennen gelernt. Wir sind 
nun daran, dieselben in ihren Einzelheiten, ihrer Detailaus- 
führung noch näher zu betrachten. 

Schon ein flüchtiger Blick zeigt uns, dass nicht blos ein 
oder das andere Stockwerk, wie etwa der Kelch, die Blumen- 
krone u. s. w., sich einer besonderen Regelmässigkeit in der 
Anordnung der Blätter erfreut, sondern dass dies eben so zu- 
weilen in der Region der Nieder-, Mittel- und Hochblätter 
der Fall ist. Ein kleinerer Umfang und eine etwas gedräng- 
tere Stellung derselben offenbaren nur zu häufig eine eben 
solche Symmetrie, wie sie in der Blüthe in der Regel statt- 
findet. Wir können demnach nicht umhin, auch den unteren 
Regionen dieselbe Regelmässigkeit zuzuschreiben. 

Als man die Pflanzengestalt noch als ein Ergebniss von 
Zufälligkeiten aller Art, oder doch wenigstens als ein uner- 
klärliches Zusammenwirken der verschiedenartigsten Bildungs- 
richtungen ansah, war begreiflicher Weise nicht daran zu den- 
ken, in den Elementen der Blätter, die den wirksamsten Aus- 
druck der Gestaltungs- Verschiedenheit enthalten, und in ihrer 
Aufeinanderfolge irgend ein bestimmtes Mass zu verkennen. 

Der Scharfblick Karl Schimpers hat zuerst den 
Zauber gelöst, das Fell von den Augen gezogen, das unsere 
Betrachtung bisher befangen hatte, und die Anordnung der 
Blätter am Stengel wie in der Blüthe stellte sich von selbst 
als ein einfaches Gesetz dar, zu dessen Formulirung es wenig 
mehr bedurfte. 

Zuerst ergab sich die Wahrheit, dass die meisten Blatt- 
formationen nicht aus einer Folge unordentlich von einander 


abstehender Blätter gebildet seien, sondern, dass wenn auch 


87 


minder in den vertikalen, so doch immer und unabänderlich 
in den horizontalen Abständen ein bestimmtes Mass herrsche, 
dass ferner dieses Mass zwar nicht durchaus dasselbe, aber 
doch erst nach einer bestimmten Reihe von Sätzen einer Ab- 
änderung fähig sei, und endlich, was das Wichtigste und die 
Einheit des Gesetzes Verbürgende ist, dass die Abänderungen 
des Masses unter sich wieder in einem gewissen Verhältnisse 
stehen. Mit unendlicher Mühe sind diese Gesetze durch Ab- 
straktion aus einer ungeheuren Menge von Thatsachen, welche 
die verschiedensten Pflanzenformen darboten, nachgewiesen 
worden, und gegenwärtig zweifeln wir nicht mehr, dass in 
der Anordnung selbst der kleinsten Blätter in den verschie- 
densten Regionen oder Formationen dieselben Gesetze zum 
Vorschein kommen. Lassen Sie uns diese Gesetze einer aus- 
führlicheren Betrachtung unterziehen. — 

Der deutlichste und augenfälligste Schritt, den die Pflanze 
im Aufbau ihres thurmförmigen Mauerwerkes thut, ist un- 
streitig das Hervorschieben eines Blattes. Das Blatt ist die 
Stufe, auf die sie im Fortschritt zur Erreichung ihres Zieles 
hintritt, und von dem aus sie sofort Stufe um Stufe hervor- 
schiebend weiter eilt. Dass die Stufen einander nicht gleich 
sind, sehen wir, dass aber nach mehreren unmittelbar auf 
einander folgenden Stufen ein Ruhepunkt — ein Absatz er- 
folgt, und sich auf solche Weise Stufenreihen über Stu- 
fenreihen bilden, ist minder deutlich zu erkennen und be- 
durfte viele Beobachtungen, um es als durchgreifendes Gesetz 
zu erkennen. Wo Reihen von Stufen wie im Grashalm und 
in vielen andern Stengeln durch Knoten von einander getrennt 


sind, springt es in die Augen; allein so verhält es sich nicht 


ss 


immer und diese Absätze sind oft sehr versteckt und fast wie 


kontinuirliche Stufenfolgen. Höchst merkwürdig aber dabei 


ist, dass diese Absätze zuweilen schon nach Einer, öfters 
Fig. 24 a. 


nach 2, 3, 5, 8, 13, 21, zuweilen sogar erst nach 34, 55, 89, 
144, 233 und 377 Stufen erfolgen. Die Stufen, je zahlreicher 


in einem Absatze, sind gewöhnlich auch um so niederer, aber 


Fig. 24 a. Eine Pflanze von Echinopsis multiplex Zucc. in natürlicher Grösse 
von der Seite gesehen. Die Stacheln sind von den Knospenpolstern ent- 
fernt, um diese so wie die Rippen, an deren Kanten sie stehen, besser 
zu sehen. Die Stellung der Knospenpolster, oder was dasselbe ist, die 
hier unterdrückten Blätter ist nach ®%,, Ordnung, d. i. die in aufsteigen- 
der Richtung auf einander folgenden Knospenpolster sind so geordnet, 
dass der 14. genau über den 1., der 15. über den 2., der 16. über den 
3. u.8.f. zu stehen kommt. Verbindet man in der beigefügten horizontalen 
Projection Fig. 24 b die äussersten Zahlen 1. 2, 3, 4 u.s. f. durch eine Linie, 


zugleich um so breiter, so dass man nur bei einer und zwei 


Stufen den Absatz mit Einem Umgang um die Achse erreicht, 


in allen übrigen Fällen 2, 3, 5, 8, 13 u. s. w. Umgänge da- 


zu bedarf, was da- 
her für die Breite 
der Stufen ein ganz 
bestimmtes archi- 
tektonisches Mass 
gibt, das wir am 
einfachsten durch 


"> Va; er Yes 


5 8/ 13 
/3» Tı3> oj U. 


s. w. ausdrücken 
können. DieKupst- 
sprache hat diese 
Absätze mit dem 
Ausdrucke Blatt- 
kreise od. Blatt- 
cykeln bezeich- 


Fig. 24 b 
I 
8 NA 
DE 


net, und es durch horizontale Projektionen 
macht, dass der Fortschritt von Blatt zu Blatt in jeder Pflanze 
und in jedem Pflanzentheile ohne Ausnahme in einer Spirallinie 
erfolge (?*). Haben die Blätter zahlreiche Blatteykeln, überdies 
geringe vertikale Abstände, so ergeben sich zwar für den äusse- 


ZI 


7% 
2 
ZI22 N 
N 31 

% 


sehr anschaulich ge- 


so erhält man dadurch eine Spirallinie, welche man die Grundspirale 
nennt. Sie ist jedoch nicht jene Linie, welche bei Betrachtuug dieser 


Pflanze leicht auffällt. 


Ungleich mehr in die Augen fallend sind viel- 


mehr die Linien, welche einerseits die Zahlen 4. 9. 1. 6. 11. 3. 8. 13. 
5. 10.2 u. s. f., oder anderseits die Zahlen 6. 1. 9. 4. 12.7.2. u. f. 
verbinden, und abgeleitete Spiralen genannt werden. Erstere ist 
die minder steil ansteigende, letztere die steilere der beiden. 


’” 


ren Anschein spiralige Anreihungen, allein diese sind es nicht, 
von welchen hier die Rede ist, indem jene Spirallinie viel ver- 
steckter erscheint. Während man diese als die einzig rich- 
tige Stufenfolge in der Blattstellung mit dem Namen Grund- 
spirale bezeichnet, können die anderen füglich abgeleitete 
oder sekundäre Spiralen genannt werden. 

Schreitet nun der Aufbau nach dieser oder jener Stufen- 
folge, die sich am einfachsten mit obigen Reihen von Brüchen 
ausdrücken lässt, vorwärts, so bleibt es keineswegs immer 
dabei stehen. In jeder Blattformation aus einem oder meh- 
reren dergleichen Absätzen oder Blattzykeln bestehend, kann 
ein Umschlagen von einem Mass in ein anderes erfolgen. 
Mehrere nach °/, Stellung auf einander folgende Blattzykeln 
können in %,, und '%,, Stellung, aber auch in minder kom- 
plizirte, namentlich in %, und °, Stellung übergehen. Ohne 
Zweifel hängt diese Umsetzung nicht blos von der spezifischen 
Eigenthümlichkeit des Bildungstriebes, sondern häufig von der 
Energie desselben ab, dem auch die grösseren oder kleineren 
vertikalen Abstände und die dadurch entstehenden Interfoliar- 
theile des Stengels, mit ihrer zwar im Allgemeinen aber nicht 
im Speziellen bestimmten Mensur zugeschrieben werden müssen. 

Welcher Reichthum in der Architektonik des Pflanzen- 
baues herrscht, geht sowohl durch jene Gesetze als durch diese 
mehr zufälligen Modalitäten hervor! und darf es uns wundern, 
wenn wir selbst bei ähnlichen und gleichen Blattformen die 
grösste Mannigfaltigskeit in der Aeusserlichkeit, im Habitus 
der Pflanze wahrnehmen. Wahrhaftig, hierin gleicht die Pflanze 


einem Proteus, der sich aus einer Gestalt in die andere um- 


91 


wandelt, ohne dass man es gewahr wird, wie er seine Zauber- 
jacke an- und auszieht. 

Ist die Verwandlung von Absatz zu Absatz eine mehr 
versteckte, so tritt sie beim Uebergang einer Blattformation 
in die andere um so deutlicher hervor, und bewirkt eben da- 
durch einen schärferen Abschnitt, als er sonst durch die Form 
und Beschaffenheit der Blattelemente hervorgebracht werden 
konnte. Mit Einem Worte, die Stockwerke der Pflanze schei- 
‘den sich dadurch auch äusserlich, und so ändert sich denn 
über jedem Gesimse die Architektonik, ohne eben eine Aen- 
derung des Styles zu bewirken. Weniger auffallend ist dies 
in den unteren Stockwerken, bei weitem in die Augen sprin- 
gender in den oberen zu verfolgen. Auf einfache Blattstel- 
lungsverhältnisse in den Niederblättern und Laubblättern tritt 
oft in den Hochblättern die zusammengesetzteste Ordnung 
ein, wie das z. B. bei den Kompositen, Dipsaceen, Protea- 
ceen, Piperaceen, Aroideen u. s. w. der Fall ist. 

Den grössten Abschnitt bildet jedoch immerhin der Ueber- 
gang des krautartigen Theiles in die Blüthe; die komplicirtesten 
Verhältnisse lösen sich hier in die einfachsten Grundrisse auf, 
und so zeichnet sich sowohl die Kelch-, Blumenkrone -, Staub- 
blätter- so wie die Fruchtblätter-Formation durch die Ein- 
fachheit der Ordnung aus, in der ihre Elemente an einander 
gereiht sind (?°). Nur tritt hier noch eine Eigenthümlichkeit 
hinzu, die wir in den unteren Blattformationen selten gewahr 
werden, — ich meine die sogenannte Wirtelstellung. Aller- 
dings kommen in der eigentlichen Blattregion ebenfalls Wir- 
telstellungen und zwar Wirtel zu 2, zu 3, zu 4 und 5 und 


mehr Blätter vor. Die einfache Gegenstellung der Blätter, 


92 
die Gegenstellung und Kreuzung 
zugleich bringen 2- und 4-blätte- 
rige Wirtel hervor; bei allen kann 
dies aber nur durch die auf das 
Minimum reduzirten vertikalen Ab- 
stände hervorgebracht werden, wo- 
durch statt einer Aufwärtsbewegung 
eine spiralige Bewegung in dersel- 
ben Ebene zu Stande kommt. 

Diese Niederdrückung der Spi- 
rale in der Blattfolge ist von der 
Formation der Kelchblätter an, als 
Regel anzusehen, daher erscheinen 


alle auf einander folgenden Blatt-. 


formationen wie eng an einander 
schliessende Blattkreise, und das Ganze erhält dadurch einen 
ganz eigenthümlichen Ausdruck. Kommt nun noch hinzu, 
dass die Zahl der einzelnen Blatteykeln eine sehr geringe ist, 
und über 2 und 3 selten hinausgeht, so erhalten die oberen 
Stockwerke der Pflanze dadurch ein von den unteren ganz 
verschiedenes Aussehen. Nur das durch alles hindurchgrei- 
fende Gesetz der Blattfolge verbindet den oberen Theil mit 
dem unteren und lässt in ihm nur eine weitere Ausführung, 
eine Veredlung des Unterbaues wahrnehmen. 

Aber auf einen Umstand muss ich meine Leser noch auf- 


Fig. 25 a. Längenschnitt durch die Blüthe von Steinbrech (Saxifraga) mit 
beigefügtem Grundriss Fig. 25 b. 
f Oberstes Laubblatt; c die fünf Kelchhlätter; p die Blumenblätter ; 
st die 2X 5 Staubblätter, alle nach %, Ordnung; endlich die zwei 
Fruchtblätter cph (Carpophylla) nach Y, Ordnung an einander gereiht. 


95 


merksam machen, wodurch die Architektonik der Blüthe eben 
einen so besonderen Reiz erhält, der keineswegs von der Man- 
nigfaltigkeit der Form der Blattorgane als vielmehr von ihrer 
Anordnung herrührt. In den unteren Theilen der Pflanzen- 
achse folgen die einzelnen Blatteykeln ohne Unterbrechung 
oft in grosser Anzahl auf einander. Mit jedem Umschwung 
der Spirale beginnt die nächste genau über dem Anfang der 
ersten und so fort. Dies muss natürlich zur Folge haben, 
dass die homologen Glieder jedes einzelnen Cyklus genau 
über einander zu stehen kommen. Es müssen daraus noth- 
wendig so viel senkrechte Reihen erscheinen, als eben Ele- 
mente in einem Cyklus vorhanden sind, also 2, 3, 5, 8, 13 
u. s. w. Diese Reihen erscheinen allerdings in manchen Fäl- 
len deutlicher als in anderen, ganz besonders schön im Stamme 
der Echinocacten, wo die senkrechten Rippen des Stammes 
eben aus der Verschmelzung der übereinanderstehenden Blatt- 
kissen hervorgehen (Fig. 24 a.). 

Anders ist es in der Blüthe. Selbst wenn nur zwei 
gleichgliederige Blatteykeln auf einander folgen, eben so in 
dem Falle, als ungleichgliedrige Cykeln sich begegnen, findet 
keineswegs ein ununterbrochener Fortschritt statt. Nur auf 
diese Weise findet bei dem Ineinandergedrängtsein der Cy- 
keln keine Deckung der Blattelemente statt. Das Mass des 
Fortschrittes des nächsten Blatteyklus ist gerade so vermehrt, 
dass die Elemente des folgenden zwischen die Elemente des 
vorhergehenden hineinfallen, ein Umstand, der die Alternation 
zur Folge hat, und wie leicht begreiflich, auf den gefälligen 
Eindruck, den die Blüthe stets verursacht, sicher nicht ohne 
Einfluss ist. So erscheint denn eben in der Blüthe bei der 


y4 


Fig. 26. grössten Einfachheit derEle- 

N N . .. 
Ä mente die schönste Harmo- 
? ge ‚|| nie in der Anordnung, wo- 


durch die Architektonik der- 
selben zu einer wahrhaft mu- 


\ 


GT 


sterhaften wird, und wie die 
Geschichte der Baukunst 
lehrt, von jeher massgebend 
auf alle menschlichen Werke 
Einfluss genommen hat (?® 
und ?”). 

Von dieser durchgrei- 
fenden Regelmässigkeit in 
der Anordnung der Blätter, 


Fig. 26. Nicht immer tritt diese Einfachheit gleich massgebend hervor. In 
einigen Fällen sind selbst in der Blüthe komplieirtere Stellungsverhält- 
nisse vorhanden, namentlich bei solchen, die aus einer grossen Anzahl 
von Blattelementen zusammengesetzt sind. Ein Beispiel geben die Cac- 
teen, die Seerosen, die karolinische Kelchblume (Calycanthus floridus) 
u. a. m. Indess sind diese letzteren ganz vorzüglich geeignet, um aus 
ihnen die Einheit des Baues der Blüthe und des Stammes zu erkennen. 
Fig. 26 stellt einen Blüthenast von Calycanthus floridus dar. Der vergrös- 
serte senkrechte Durchschnitt, Fig. 27 a, mit Beifügung des Grundrisses, 
Fig. 27 b setzt uns in die Lage, Einsicht in den etwas komplieirten Blü- 
thenbau zu nehmen. f bedeutet den Ursprung der abgeschnittenen Laub- 
blätter (fola), — p die gefärbten Blätter der Blüthenhülle (perianthium), 
— st die Staublätter (stamina), — stab die fehlschlagenden Staubor- 
gane (stamina abortiva). Ueberdies bedeutet m noch den Markkörper des 
Blüthenastes und g die auf seiner oberen Ausbreitung sitzenden Samen- 
knospen (gemulae). — Zur genaueren Einsicht in die Stellungsverhältnisse 
dient das beifolgende Diagramm Fig. 27 b, in welchem nach den beiden 
einander gegenüber stehenden Blättern (f.f a Div.), von 1 bis 28 die 
anfänglich kleineren, dann grösser werdenden, endlich wieder kleineren 
Blätter der Blüthenhülle (p), darauf von 29 bis 41 die Staubblätter (st), 
und endlich von 42 bis 55 die fehlschlagenden Stauborgane in der ver- 
zeichneten Ordnung auf einander folgen. — Während in den ersten 6 Blät- 
tern noch ein Schwanken nach niederen Blattordnungen bemerklich ist, 
stehen alle übrigen an ihren bestimmten Plätzen. Fast in jeder Blüthe 
finden diese Schwankungen in anderer Weise statt. 


die man mit gutem Fug 
als Blattordnung 
(Phyllotawis) bezeichnete, 
finden sich indess man- 
cherlei Abweichungen, die 
jedoch keineswegs das ge- 
fundene Gesetz aufheben, 
sondern es vielmehr nur 
in seiner eisernen Strenge 
mildern, wodurch die 
Pflanze eben im Aus- 
drucke der Freiheit so un- 
Dahin 


gehört z. B. die einsei- 


endlich gewinnt. 


tige Verschiebung der 
Blätter bei 
Verdickung der Stengel- 


ungleicher 


seiten, das ungleiche An- 
wachsen des Blattgrun- 
des und eine Drehung 
der Achse selbst, Um- 
stände, die von unglei- 
cher Ernährung, unglei- 
chen Einflüssen äusserer 
Agentien u. s. w. ab- 


hängen. 


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ZW(EELFTER BRIEF. 
FORTPFLANZUNG. 


Wenn man die Geschichte der Botanik durchblättert, 
so ersieht man nicht undeutlich, dass über keinen Gegenstand, 
der in das Gebiet dieser Wissenschaft fällt, bisher so ver- 
schiedene Ansichten geltend gemacht wurden, als über die 
Fortpflanzung. Das Verborgene dieses Prozesses einerseits, 
so wie der Einfluss, den er auf die ganze Bildung und Ge- 
staltung nimmt, andererseits, haben denselben von jeher als 
den geheimnissvollsten und zugleich als den bestimmendsten 
unter allen Vorgängen des vegetabilischen Lebens betrachten 
lassen, und erklären es, wie er als Ausgangspunkt aller 
botanischen Kenntniss so vielfältig zur Sprache kommen konnte, 
und wie leicht dabei ein Irren möglich war. 

Auch jetzt darf sich die Wissenschaft noch nicht schmei- 
cheln, den Schleier vor diesem Heilisthume des Pflanzenlebens 
vollkommen gelüftet zu haben, jedoch gelang es ihr wenig- 
stens die Hauptmomente der äusseren Erscheinung zu über- 
blicken, die verschiedenen Phasen, in denen dieser Prozess 
durch das ganze Gewächsreich hindurch auftritt, zu unter- 
scheiden, und das Wesentliche von dem mehr Zufälligen daran 


zu sondern. 


Schon bei der Betrachtung des Wachsthumes der Pflanze 
sind wir auf das Feld der Fortpflanzung gerathen. Wir er- 
kannten alle Massenzunahme als das Resultat von Generatio- 
nen, die von Zelle zu Zelle stattfinden; der Unterschied aber, 
. der zwischen jener massenvermehrenden Fortpflanzung und 
der Fortpflanzung im engeren Sinne, die in der 
Bildung und Sonderung von Keimen zu neuem 
individuellen Leben besteht, blieb uns verborgen. 

Wir wollen nun versuchen, sowohl die Unterschiede der 
beiden genannten Vorgänge aufzufinden, als die verschiedenen 
Formen, in der die eigentliche Fortpflanzung im Gewächs- 
reiche erscheint, ins Licht zu setzen. Wie überall, so werden 
wir auch hier am besten thun, unsere Betrachtung an den 
einfacheren Formen anzuknüpfen. 

Es wird meinen Lesern noch erinnerlich sein, dass wir 
mehrmals davon sprachen, es gebe Pflanzen, die nur aus einer 
einzigen Zelle bestehen. Natürlich ist auch ihre Fortpflan- 
zung eben so einfach wie ihr Leben. Eine oder mehrere in 
ihr erzeugte Zellen trennen sich von der Mutterzelle, und 
diese hat sich dadurch fortgepflanzt. Ist die Mutterzelle rund 
und nach allen Seiten hin so ziemlich gleich gebildet, so trägt 
jeder Theil des Individuums gleichen Antheil an der Fort- 
pflanzung, die Tochterzellen sind schon bei ihrer Trennung 
der Mutterzelle vollkommen gleich. 

Hat die Mutterzelle aber eine gewisse Bildungsgeschichte 
durehgegangen, ist sie grösser geworden, haben sich in ihrer 
Gestaltung Gegensätze ausgebildet, so treten individuelles oder 
vegetatives Leben und Fortpflanzung immer mehr aus einan- 


der. Die Mutterzelle bildet nur nach einer bestimmten Zeit 
Botanische Briefe, 7 


98 


und an einem bestimmten Theile Fortpflanzungszellen, 
und diese selbst gleichen anfänglich noch keineswegs dem 
Mutterorganismus. Wenn wir für erstere Fortpflanzungsweise 
als die einfachste mehrere Chroococcaceen als Beispiele an- 
führen können, so dienen für letztere die Gattungen Ascidium, . 
Botrydium, noch mehr aber die Gattungen Vaucheria, Cau- 
lerpa u. 8. w. 

Unstreitig um eine Stufe höher verhalten sich beinahe 
eben so einfach gebaute Pflanzen, aber die sich trennenden 
Fortpflanzungszellen gehen nicht unmittelbar aus der Mutter- 
zelle hervor, sondern erst durch Vermittlung einer oder meh- 
rerer Zellengenerationen, die im Gegensatz zur eigentlichen 
Fortpflanzungsgeneration vegetative Generationen ge- 
nannt werden. Diese vegetativen oder Theilungsgenerationen 
erzeugen eine Vielheit von Zellen, die mehr oder weniger 
familienweise zusammenhängen, bis die letzte oder die Ueber- 
gangsgeneration folgt, die sich trennt und den neuen 
Cyklus beginnt. Die Zellen der Uebergangs- 
generation sind meist anders gestaltet als 
die Zellen der Theilungsgenerationen, und 
lassen sich von diesen sehr wohl unter- 


scheiden. Als Beispiel möge man die kleine 


Alge Scenedesmus betrachten (?°). 

Aber selbst diese vermittelnden, vegetativen Grenerationen 
bleiben sich nicht gleich, sondern zeigen am Anfange und 
Ende Verschiedenheiten, so dass die Uebergangsgeneration als 
ein drittes Glied in der Fortpflanzungsweise erscheint. 


Fig. 28. Scenedesmus acutus Meyen, eine kleine mit freiem Auge nicht er- 
kennbare Alge, 800mal vergrössert, in der Uebergangsgeneration. 


99 


Von hier an aber gestalten sich die Fortpflanzungszellen 
selbst ungleich, und damit ist der erste Anstoss zu einem 
Dualismus gegeben, der sich bis zu den vollkommensten 
Gewächsen hindurch spinnt und sicherlich nicht wenig Ein- 
fluss auf die ganze Gestaltung der Pflanze, und besonders 
jener Theile nimmt, in welchen nach langen Reihen von ver- 
mittelnden, vegetativen Generationen der Gegensatz zur grösst- 


möglichsten Ausbildung gelangt. 


Fig. 29. 


Während bei den streng ein- 
zelligen und familienweise zusam- 
menlebenden einzelligen Pflanzen 
jede Zelle als Fortpflanzungszelle 
erscheint (?°), wird bei den Zellen- 
komplexen die Möglichkeit der Fort- 
pflanzung nur auf die Spitzenzel- 


len übertragen, während die Dauer- 


zellen keinen Antheil daran nehmen. 
In diesem Gegensatze, durch welchen jeder Zellenkomplex erst 
sein Dasein erhält, ist aber auch die Heterogeneität der Fort- 
pflanzungszellen aller Zellenkomplexe bereits vorgebildet, und 
wir dürfen uns nicht wundern, wenn die ganze Fortpflanzung 
der Gewächse diesem Dualismus unterthan ist. Zweierlei 
Fortpflanzungszellen sind es also, die schon in den 
einfachsten, einzelligen "Pflanzen als Bedingung der Fortpflan- 
zung erscheinen und durch die verschiedensten Formen der 
Zellenkomplexe hindurch in gleicher Weise die Fortpflanzung 


Fig. 29. Gloeocapsa opaca Näg., ebenfalls eine sehr kleine Alge in der 
Fortpflanzung von a bis e dargestellt, wo sie bald zwei, drei. vier und 
mehrere familienweise zusammenlebende Individuen bildet. 

7* 


100 


abhängig machen. Ist nun dieser Dualismus der Gestaltung 
der Fortpflanzungszellen im ganzen Gewächsreiche mit Aus- 
nahme der einfachsten Formen einmal erkannt, so ist unstrei- 
tig die wichtigste Frage die: wie verhalten sich diese zweier- 
lei Fortpflanzungszellen zu einander? — ist ihre gegenseitige 
Einwirkung für die Fortpflanzung nothwendig? — und in wel- 
cher Weise erfolgt diese Einwirkung ? 

Bis jetzt hat die Erfahrung einen dreifachen Modus 
erkannt.. Die verschiedenen Fortpflanzungszellen wirken auf 
einander nicht unmittelbar ein. Sowohl die eine als die an- 
dere Form, meist jedoch nur die eine derselben, ist zeugungs- 
fähig und pflanzt getrennt von der Mutterpflanze das Indivi- 
duum fort. — Der zweite Modus erfordert eine gegenseitige 
Einwirkung durch unmittelbare Berührung. Während dabei 
die eine Fortpflanzungszelle erschöpft wird, tritt die Befähi- 
gung zur individuellen Entwicklung erst in der andern ein. — 
Die dritte Art endlich besteht in einer gänzlichen Vereinigung 
beiderlei Fortpflanzungszellen, aus welcher ein drittes, der 
Keim einer neuen Reihe hervorgeht. Es ist merkwürdig, dass 
dabei einer der beiden Fortpflanzungszellen häufig eine aktive 
Ortsveränderung durch Vermittlung eigenthümlicher Bewe- 
gungsorgane zukommt, oder dass eine Annäherung doch we- 
nigstens in Folge des Wachsthumes möglich wird. Die erste _ 
Andeutung hierzu liegt schon bei den streng einzelligen Pflan- 
zen, deren ast- oder vielmehr blattbildende Aussackungen, 
die Träger der Fortpflanzung erst durch Annäherung und ge- 
genseitige Vereinigung die Bildung der Fortpflanzungszelle 
ermöglichen, wie das bei Vaucheria sessilis Lyngb. der Fall 


188 (2°), 


ai 


Ob man in diesem Dualis- Fig. 30. 
mus eine Geschlechtsdifferenz er- 
kennen will oder nicht, ist hier 
ganz gleichgiltig; so viel ist jJe- 
doch gewiss, dass derselbe eine 


die ganze Fortpflanzung beherr- 


schende Einrichtung ist, die, 
wenn sie auch nicht immer 
gleich offen in die Erscheinung 
tritt, dennoch nichts weniger 
als letzte Triebfeder der Wirk- 


samkeit erscheint. Dass in vie- 


len Fällen, namentlich bei min- 


ab ed 
der organisirten Pflanzen, die eine Form dieser Fortpflanzungs- 


zellen, sowohl in Gestalt als im Bewegungsvermögen grosse 
Aehnlichkeit mit den die Fortpflanzung vermittelnden soge- 
nannten Samenfäden der Thiere besitzt, lässt wenigstens der 
Vermuthung Raum, dass zwischen der geschlechtlichen Fort- 
pflanzung der Thiere und Pflanzen in der Wesenheit wenig 
Unterschied sein mag. Von den Fucaceen, oder vielleicht ei- 
gentlicher von den Characeen an durch die Flechten (?), Le- 
bermoose (*!), Laubmoose, Farn und Schachtelhalme zieht 
sich dieser offenbare Geschlechtsdualismus und wird erst in 
den höheren Pflanzen mehr versteckt, darum aber in seiner 
Bedeutung als solcher nicht minder zweifellos. 

Erlauben Sie nun, meine Leser, das Ineinanderwirken 
Fig. 30. Kleine Stücke von Vaucheria sessilis Lyngb. a Keimästchen und 

b Hackenästchen vor der Kopulation, — c Keimzelle in dem Keimäst- 


chen nach der Kopulation; d der entleerte Hackenschlauch nach der Ko- 
pulation. (Nach Nägeli). 


c b a 
beiderlei Fortpflanzungszellen in den blüthentragenden Pflan- 
zen etwas ausführlicher zu beleuchten. Sie sind es ja, die 


Fig. 31. Blüthenstand von Jungermannia complanata. (Theilweise nach W. Hof- 
meister). Drei Archegonien a.b.c von einem Perianthium f eingeschlossen, 
wovon % noch nicht befruchtet sind, das 3te 5b eben befruchtet wird. Das 
Keimbläschen noch einfach. — Neben denselben von einem Deckblatt e un- 
terstützt ein Antheridium d. Dasselbe ist bereits an der Spitze geöffnet 


105 


wir fast immer vor unseren Augen haben, und die gerade 
während dieser Thätigkeit — bei dem Blühen — am meisten 
unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 

Durch unendliche Reihen von Zellen hindurch scheint 
sich bei der Mehrzahl der Pflanzen erst die Befähigung zur 
Bildung der Fortpflanzungszellen nach und nach zu entwickeln. 
Derselbe Dualismus, der sich zwischen Dauer- und Bildungs- 
zellen bei der Enstehung dieser Reihen ausspricht, der den 
Gegensatz zwischen Achse und Blätter hervorruft, tritt end- 
lich an der Spitze derselben durch eine unendliche Stufen- 
folge geläutert, als Fortpflanzungszellen hervor, und schliesst 
als Ziel der Bildung jeden weiteren Fortbau der Pflanze ab. 
Zwei Organe der höchsten Antithese werden die Träger der 
Fortpflanzungszellen, das Staubblatt von der einen, von 
der peripherischen Seite, de Samenknospe an der Ach- 
senspitze auf der andern, nämlich der centralen Seite. Die 
Bildungsstätte der Fortpflanzungszellen im Staubblatte liegt in 
der Mitte der verkümmerten Blattspreite. Aus einer Zelle 
entwickeln sich hier bald Reihen von Zellen, in deren Innern 
nach rascher transitorischer Zellbildung endlich die Fortpflan- 
zungszellen, hier Pollenzellen genannt, hervorgehen. Mit 
ihrer vollkommenen Ausbildung trennt sich das umgebende 
Zellgewebe (Staubbeutelfächer) und die Fortpflanzungszellen 


treten frei heraus. Sie sind es, welche den Blumenstaub bilden. 


Während dies bei den letzten Schritten, den die Meta- 


morphose des Blattes am Stengel durchmacht, geschieht, findet 


und lässt die Samenfäden (Spermatozoidia), einige noch in ihren Mutter- 
zellen eingeschlossen, andere davon befreit. heraustreten. Ein Theil da- 
von hat sich bereits an die Mündung des reifen Archegonium begeben. 


in den Endtheilen der Achse ganz etwas Aehnliches Statt. 
Die Achse, durch die fortwährende Blattentwicklung fast kon- 
sumirt, schiebt über die letzte Blattspirale der Fruchtblätter 
nur noch einen kleinen Fortsatz der Achse hinaus, der ent- 

weder einfach bleibt, oder sich zertheilt und dann den Frucht- 
blättern sich so anschliesst und so mit ihnen verwächst, dass 
man sie nicht mehr von diesen zu unterscheiden im Stande ist. 
Aus diesem letzten Fortsatze der Achse, der meist in eine 
Höhle der in vielfacher Weise zusammengewachsenen Frucht- 
blätter hineinragt und Mutterkuchen (Placenta) genannt wird, 
entspringen nun Zellenreihen, die gleichfalls in ihrem Innern 
Fortpfianzungszellen hervorbringen. Der ganze Apparat hier- 
zu wird Samenknospe genannt, und besteht aus einem Kern 
von Zellen (Nucleus), über welchen sich vom Grunde aus bis 
nahe an die Spitze.nach und nach eine oder mehrere schei- 
denförmige Hüllen (Eihäute) hinüberschieben, so dass zuletzt 
nur noch ein kleiner Zugang zu dem Kern, der sogenannte 
Knospenmund (Mieropyle) übrig bleibt. Die Zellreihe, aus de- 
ren Spitze dieser Apparat sich entwickelte und zu einem bald 
längeren bald kürzeren Träger (Samenstrang) herangewachsen 
ist, nimmt zuletzt gegen diesen eine sehr verschiedene Stel- 
lung und Lage ein, je nachdem die Ausbildung des ersteren 
auf einer allseitigen oder mehr einseitigen Entwicklung der 
Elementartheile beruht. Kurz im Centrum des Apparates, im 
Kern ist es nun ebenfalls wieder eine Zelle, vielleicht die 
Scheitelzelle, die sich übermässig vergrössert (Keimschlauch, 
Embryoschlauch) und in ihrem geräumigen Innern mehrere 


kleine, freie, im Zellinhalte schwimmende Zellchen erzeugt. 


Es sind dies und kön- 
nen nichts anders sein 
als Fortpflanzungszel- 
len (*?). 

Diese letztern aus 
der Achse hervorge- 
gangenen -Fortpflan- 
zungszellen bilden sich, 
wie es scheint, von 
selbst nicht mehr wei- 
ter aus und würden 
verkümmern, und end- 
lich ganz aufgelöset 
werden, wenn sie nicht 
zu weiterer Entwick- 
lung von aussenher be- 
stimmt würden. Auch 


t.»p 


em 


die frei gewordenen se i 
Pollenzellen, obgleich s.e -------—-- Bi N 
vollkommen ausgebil- 1 


det, haben dasselbe 


Fig. 32. Durchschnitt einer vergrösserten Blüthe von Buchweizen (Fagopy- 


rum emarginatum). p Blüthenhülle. st Stauborgane mit geöffneten Staub- 
beuteln. Einige Pollenzellen sind auf die Narbe des Griffels (siyl) ge- 
rathen, wo sie sich bereits verlängert haben, und durch den Griffelkanal 
bis an den Keimsack s.e (saculus embryonis) vorgedrungen sind. 

Durch beigefügte stärkere Vergrösserung des oberen Theiles der Sa- 
menknospe ist man im Stande den ganzen Verlauf des Pollenschlauches 
t.p, sein Eindringen durch den Knospenmund der äusseren Knospendecke 
i.e (integumentum externum) — der inneren Knospendecke i.:i (integumen- 
tum internum) — den Knospenkern ne (nueleus) bis in den Keimsack s.e 
zu verfolgen, wo er mit den Keimzellen em in unmittelbare Berührung 
tritt, 


106 


Loos. Nun geschieht es aber, dass die freien Pollenzellen und 
die Zellen des Keimschlauches an einander gerathen, und 
siehe da! während die ersteren dabei verkümmern, entsteht 
die Fähigkeit zur weiteren Ausbildung in den letzteren, die 
damit endet, dass der ganze vorhin genannte Apparat, — nun 
Same genannt, — sich von der Mutterpflanze lostrennt, und 
die bereits junge Pflanze in eine Lage versetzt, sich fortan 
selbstständig ausbilden zu können. Natürlich geht diese ganz 
und gar’nach dem Typus der Mutterpflanze vor sich. 

Die Fortpflanzungszellen der Samenknospe sind zwar in 
dieser eingeschlossen, sie selbst in der Regel in der Höhle 
der zusammengewachsenen Fruchtblätter, d. i. im Fruchtkno- 
ten verborgen, allein dies hindert dennoch nicht, dass die frei 
gewordene Fortpflanzungszelle des Staubblattes mit jenen in 
unmittelbare Berührung kommen kann. 

Dies geschieht auf folgende Weise. Schon die Lage des 
Fruchtknotens ist von der Art, dass unter den vielen Tausen- 
den der Pollenzellen, die nach der Oeffnung der Staubbeutel 
frei werden, einige davon sicherlich mit demselben und na- 
mentlich mit dessen Spitze in Berührung kommen. Die Spitze, 
welche durch die Verwachsung der Spitzen der Fruchtblätter 
entstanden ist, und je nach deren Form bald kürzer, bald 
mehr in die Länge gezogen ist (Griffel), geht am Ende in 
einen etwas erweiterten Theil auseinander (Narbe). 

Diejenigen Pollenzellen, welche die Narbe empfängt, be- 
reitet sie durch einen fortwährend ausgeschwitzten Saft der 
Art zu einer weitern Entwicklung, zu einem Fortwachsen, 
oder wenn man lieber sagen will: Keimen vor, dass sich dar- 


aus in der That mit Hinterlassung der äusseren Hülle ein 


Zellschlauch entwickelt, welcher sowohl einfach bleibt als sich 
auch durch Aussackung zu verzweigen im Stande ist. Die 
so keimende Pollenzelle würde aber ungeachtet der Nahrung 
der Narbenfeuchtigkeit bald zu Grunde gehen, wenn sie nicht 
im Stande wäre, mit ihrem vordringenden Ende sich zwischen 
den aufgelockerten Zellen der Narbe und zwischen Reihen 
wenig zusammenhängender Zellen des Griffels Bahn zu bre- 
chen. Nach einiger Zeit gelingt es immerhin, einer oder meh- 
rerer Pollenzellen selbst bis in die Fruchthöhle hinabzugelan- 
gen. Nun sind nur wenige Hindernisse mehr zu überwinden. 
Die Spitze des wachsenden Pollenschlauches gelangt leicht 
selbst an die Samenknospe und findet da durch die Oeffnung 
der Samendecken einen ungehinderten Fortgang bis zu dem 
Samenkorn. Endlich aber müssen noch die Zellen des Nu- 
cleus durchbrochen werden, was um so leichter gelingt, als 
dieselben noch sehr zart und nachgiebig sind und in der Zeit 
auch der Keimsack durch seine Ausdehnung und durch das 
Verdrängen der oberen Zellen dem Pollenschlauche gewisser- 
massen entgegen gekommen ist. 

Im Keimsacke selbst sind nun auch die Keimzellen nahe 
an die Oberfläche getreten und berühren sogar die Innenseite 
seiner Wand. Es ist daher dem bis hierher vorgedrungenen 
Pollenschlauche ein leichtes, nur durch die Membran des 
Keimschlauches getrennt, mit den Keimzellen in eine mittel- 
bare Berührung zu kommen, ja derselbe breitet sich an der 
Oberfläche des Keimsackes sogar aus, um diese Berührung 
wo möglich nachdrücklich zu Stande zu bringen. Die Folge 
davon ist, dass während der Pollensack nach und nach von 


Aussen nach Innen abstirbt, in einer der Keimzellen, wahr- 


108 


scheinlich in der dem Pollenschlauche zunächst gelegenen eine 
weitere Zellbildung eintritt, die endlich mit der Bildung der 
Grundlage einer neuen Pflanze schliesst. Ob hierbei in man- 
chen Fällen der Keimsack an’ der Berührungsstelle beider an 
einander tretender Fortpflanzungszellen nicht ganz resorbirt 
wird, so dass sich nun beide unmittelbar zu berühren vermö- 
gen, scheint nicht unwahrscheinlich, ist jedoch durch die Er- 
fahrung noch nicht hinlänglich ermittelt. So viel ist jedoch 
gewiss, dass es zu weiterer als einer blossen Kontaktwirkung 
zwischen beiderlei Zellen in allen höher gebildeten Pflanzen 
nicht kommt, während ein Verschmelzen beider durch Kopu- 
lation in den niederen Sphären des Gewächsreiches keine sel- 
tene Erscheinung ist. So zeigt denn auch in der Fortpflan- 
zung die höher ausgebildete Pflanze einen Sieg über das Ma- 
terielle, und wo dort eine innige Verschmelzung beider Ele- 
mente zur Hervorbringung eines neuen Keimes erforderlich 
ist, genügt hier eine einfache Berührung und eine mehr dy- 
namische Transfusion .geläuterter Stoffe. Mit Einem Worte, 
es ist ein Kuss, womit die blüthentragende Pflanze das schönste 


Werk ihrer Verjüngung feiert. 


DREIZEHNTER BRIEF. 


SPROSSBILDUNG. GENERATIONSWECHSE 


J III 


Mit der Ausgleichung der Geschlechts - Differenz ist der 
Dualismus, der alles in und an der Pflanze auf die Spitze 
trieb, versöhnt, das Ziel des individuellen Lebens erreicht. 
Ein weiteres ist für dasselbe nicht mehr möglich, darum 
schliesst auch die Blüthe, in welcher diese Ausgleichung zu 
Stande kommt, den Bau der Pflanze vollkommen und für im- 
mer ab. — 

Indess gelingt es der Pflanze nicht immer, ja vielleicht 
fast gar nie, dieses Ziel in der oben angegebenen Reihenfolge 
der Entwicklungen auf einmal zu erreichen. Der als Norm 
aufgestellte Bau der Pflanze ist somit nur ein Ideal, das sich 
in der Natur nur selten verwirklichet findet. Statt diesem an 
und für sich zwar regelmässigen und schönen, seiner Natur 
nach aber höchst beschränkten, hinfälligen Ideale, ist in der 
Pflanze vielmehr ein Bauwerk hingestellt, das über alle Be- 
schränkung in Zeit und Raum sich zu erheben vermag, das 
allen Eventualitäten Trotz bietet und an Grösse und Macht 
alle Bauwerke übertrifft, die menschlicher Verstand und Aus- 
dauer je hervorzubringen im Stande waren. 


Aber nur dadurch, dass die Pflanze in ihrer idealen Rich- 


110 


tung, in ihrer Entwicklung sich selbst zu bezähmen vermag, 
dass sie sich selbst Hindernisse stellt, und dadurch zu erneu- 
ter Kraftanstrengung aufgefordert wird, tritt sie gleichsam über 
die Beschränkung hinaus, und vollendet ihre Aufgabe erst 
in einer Reihenfolge selbstständiger Entwicklungen, was sie 
sonst mit einem Streiche erreicht haben würde. Die Pflanze 
als einheitliche Entwicklungsreihe wird dadurch zum Ge- 
wächs, in welchem Reihen auf Reihen folgen. 

Steigen wir nun von der Betrachtung der Pflanze zur 
Betrachtung des Gewächses empor. Das Maiglöckchen soll 
uns hierin als Wegweiser dienen. 

Man würde sich sehr irren, wenn man der flüchtigen Be- 
obachtung folgend«in diesem Gewächse eine einfache, an einer 
und derselben Achse stattfindende Aufeinanderfolge von Blatt- 
organen bis zur Samenknospe erkennen wollte. Das ist nicht 
so. Die Achse, die sich aus dem Samenkorne entwickelt, 
bringt es nie und nimmermehr bis zur Bildung der Blüthe, 
im Gegentheile schliesst sie sich mit Hervorbringung der Nie- 
derblatt- und Laubblatt- Formation vollkommen ab, letztere 
selbst nur in wenigen Blatteykeln vollendend. Ohne Bildung 
einer neuen Achse, welche aus der erst entstandenen hervor- 
geht, und welche das vollendet, was die erste unvollendet 
lässt, wäre die Erreichung des Zieles dieser Pflanze unmög- 
lich. Die zweite Achse nun, die nicht mehr mit der Nieder- 
blattformation, auch nicht mit der Laubblattformation beginnt, 
sondern unmittelbar die Hochblattregion entfaltet, trägt an ih- 
rer Spitze die Blüthe und bringt das in der ersten Achse begon- 
nene Werk erst zu Ende. Diese Pflanze muss demnach mit 
gutem Recht eine zweiachsige genannt werden. Solchen zwei- 


Pflan- 


zen begegnen wir 


achsigen 


fast überall im 
Gewächsreiche , 
besonders aber in 
den blüthentra- 
genden Pflanzen, 
auch ist es nicht 
immer eine Folge 
zweier Achsen, 
womit das Ge- 
wächs vollendet 
wird, sondern es 
finden sich nicht 
selten eine Folge 
von 3, 4, ja selbst 
von 5 Achsen (°?). 

Dass diese Fol- 
ge von Achsen, 
wie alle Bildun- 
sen der Pflanze, 
Ergebnisse der 
Generationsthä- 
tigkeit sind, lässt 
sich schon von 
vorn herein ver- 
muthen, es wird 
dies aber auch 
noch durch die 
anatomische Un- 


\ 


Fig. 


33. 


112 


tersuchung insoferne bestätiget, als dieselbe es wahrscheimlich 
macht, dass jede Zweigbildung von Einer Zelle der Achse 
ausgeht und durch fortgesetzte Generationen derselben zu ei- 
nem Komplexe von Zellen wird, der sich durch selbstständige 
Entwicklungsrichtung von der Entwicklung der Mutterachse 
gleichsam loszureissen, oder sich zu emanzipiren sucht. Diese 
‘selbstständige, alle Bildungselemente unter eine Richtung 
bringende Entwicklung, ist es, wodurch dergleichen Zellen- 
komplexe auch auf die Bedeutung selbstständiger Achsen An- 
spruch machen können. Es ist nicht zu leugnen, dass in 
diesem Vorgange eben so gut, wie in dem Zeugungsprozesse 
der Fortpflanzungszellen eine Fortpflanzung des Gewächses 
erzielt wird, sie geht jedoch, und kann nicht anders als von 
einem Monismus ausgehen und bleibt daher jeder dualistischen 
Zeugung untergeordnet. Von einem blossen Fortwachsen un- 
terscheidet sie die Selbstständigkeit der Bildungsrichtung, so 
wie die häufig vorkommende Trennung von der Mutterpflanze 
ganz und gar. 

Die Erscheinungen bei Bildung neuer Achsen sind sehr 
mannigfaltig und können hier nur der Hauptsache nach in 
Betrachtung gezogen werden. Jede neue Achse erscheint an- 
fänglich verkürzt, die Blattelemente durch die kleinsten Inter- 
valle von einander geschieden, alles gleichsam konzentrirt. 


In diesem Zustande werden sie Knospen genannt, bei der 


Fig. 33. Zur Erläuterung des Angegebenen diene beifolgendes dreiach- 
siges Gewächs, an dem zwar einzelne Elemente vorhandener Pflan- 
zen zu erkennen sind, die jedoch auf eine ideale Weise zusammengestellt 
wurden, um die Sprossbildung auf die einfachste Form zu redueiren. I. 
Erster Spross mit alleiniger Niederblattbildung. ‘IL. Zweiter Spross mit 
Niederblatt- und Laubblatt-Formation. III. Dritter Spross mit Hoch- 
blattformation zuletzt mit der Blüthe geschlossen. 


115 


Erweiterung der Intervalle und Ausbildung der Anhangsor- 
gane — Sprosse. Die Knospe deutet also nur den Jugend- 
zustand des Sprosses an, kann aber übrigens der Träger der 
verschiedensten Blattformationen sein. Es gibt daher Sprosse 
mit Niederblatt, Sprosse mit Laubblatt, Sprosse mit Hoch- 
blatt und endlich Sprosse mit Blüthenformation, ja selbst bei 
den Blüthensprossen kann eine oder die andere Formation 
der Blüthe, namentlich die der Staubblätter oder der Frucht- 
blätter fehlen. 

Dies hindert jedoch nicht, dass nicht anderseits ein und 
derselbe Spross mehrere Blattformationen vereiniget, also ge- 
wissermassen vollständiger als ein anderer ist. 

Jeder Theil der Pflanzenachse, ja selbst der absteigende, 
kann Sprossen erzeugen ; kein so festes Gesetz, wie bei den 
Blättern bestimmt ihre räumliche Aufeinanderfolge, was eben 
zeigt, dass sie etwas von der Blattbildung durchaus Verschie- 
denes darstellen. Doch findet es sich sehr häufig, dass die 
Entstehungsstelle des Blattes zugleich den Ort bezeichnet, 
von wo aus die Sprossbildung häufig ihren Ursprung nimmt. 
Die Knospen in den Achsen der Blätter gehören im Pflanzen- 
reiche zu den gewöhnlichsten Erscheinungen. 

Von grösserer Bedeutung und Einfluss auf das Aussehen 
des Gewächses ist die Aussprossungsregion, d. i. die 
Abtheilung der Blattformation, von welcher aus der Spross 
hervorgeht. Es ist hier ebenfalls wieder ein allgemeines Gesetz, 
dass alle Sprossen nur aus den unteren Regionen, nie aus den 
oberen entspringen, jedoch ist es sehr verschieden, ob ein 
Spross aus der Niederblatt-, Laubblatt- oder selbst aus der 
Hochblattregion hervorgeht. Dass der Apparat für die weib- 


Botanische Briefe. s 


114 


liche Fortpflanzungszelle in den höheren Pflanzen Spross und 
Samenknospe oder Samensprösschen genannt wird, liegt nur 
in der äusseren Aehnlichkeit und muss daher als dem We- 
sen des Sprosses durchaus fremd, für die Zukunft verbannt 
werden. 

Eben so wie die Aussprossungsregion massgebend für 
das Gewächs wird, ist es nicht minder die Sprossfolge 
selbst, oder die Ordnung, in welcher die mehr oder minder 
ausgebildeten Sprosse auf einander folgen, um das Gewächs 
in seiner vollständigen Integrität darzustellen. In dieser Spross- 
folge zeigt sich deutlich die Abhängigkeit eines Sprosses von 
dem andern und die vollständige Darstellung des Gewächses 
beruht eben in der fortschreitenden Folge der einzelnen Sprosse, 
— eine Erscheinung, die man auch im Thierreich als Aufein- 
anderfolge unter sich ungleichen Generationen zur zeugungsfä- 
higen Endbildung wahrnimmt und die man da als Genera- 
tionswechsel bezeichnete. 

Wenn im Thierreiche diese Generationsänderung nur in 
den niedersten Thierklassen gefunden wird, so bemerken wir 
diesen Generationswechsel in der Sprossfolge im Gewächs- 
reiche als eine der allgemeinsten Erscheinungen von der um- 
gekehrt hier vielleicht nur die niedrigsten Pflanzen eine Aus- 
nahme bilden. I 

Von dieser Sprossfolge, die unbezweifelt als eine we- 
sentliche erscheint, da von ihr die geschlechtliche Fort- 
pflanzung des Gewächses abhängt, ist die Erscheinung der 
wiederholenden Sprossen wohl zu unterscheiden, da sie 
es eigentlich sind, welche das Gewächs zu dem stempeln, wie 
es realiter in die Erscheinung tritt. Es findet nämlich keines- 


15° 


wegs ausnahmsweise, sondern fast als Regel statt, dass die 
Bildung eines Sprosses eine grössere oder geringere Anzalıl 
gleichwerthiger coordinirter Sprosse nach sich zieht. Was 
also einem einzigen Individuum zugewiesen sein würde, ist 
bei dieser Einrichtung einer Menge gleichwerthiger Individuen 
übertragen. Schlägt daher dieser oder jener Prozess auch bei 
dem einen oder bei dem andern fehl, so übernimmt ihn der 
folgende und die Erhaltung der Pflanzenart ist dadurch bei 
weitem weniger gefährdet, als es der Fall wäre, wenn die 
Sprossfolge nur eine einfache bliebe. 

Dies tritt um so deutlicher bei den Sprossen letzter Ord- 
nung, die die geschlechtliche Fortpflanzung zum Zwecke ha- 
ben, hervor, und kommt damit noch eine ungleichzeitige Ent- 
wicklung der Blüthen zu Stande, so mögen die äusseren Ein- 
flüsse noch so störend einwirken, sie werden weder der Inte- 
grität des Gewächses noch viel weniger jener der Art einen 
Eintrag zu thun im Stande sein. Ja auf dieser Wiederholung 
der Sprossen beruht endlich auch die Erstarkung vieler Pflan- 
zen, ohne welcher sie vielleicht nie ihr Ziel würden erreichen 
können. Die Ausbildung der Spargelpflanze, der Rebe, der 
Linde u. s. w. hängt von solchen Erstarkungssprossen ab. 

So hat also die Natur der Pflanze selbst Sorge getragen, 
dass ihre Zwecke möglichst vollständig erreicht werden, und 
selbst die scheinbar unwesentlichen und überflüssigen Wieder- 
holungssprosse sind in dem Haushalte derselben von Be- 
deutung. Aber auch auf die Gestaltung des Gewächses, wel- 
ches dadurch wahrhaftig als eine Familie innigst verwandter 
und sich gegenseitig unterstützender Individuen erscheint, hat 


sowohl diese Wiederholung als die weitere Potenzirung gleich- 
8* 


116 


artiger Achsen den auffallendsten Einfluss. Erst dadurch wird 
die Pflanze zu einem Pflanzenstock, auf dem Tausende 
von Individuen verschiedenen Alters in gegenseitiger Abhän- 
gigkeit und mit dem Bestreben nach gleichem Ziele sich des 
Lebens freuen, und wenn der hinfällige Blüthenbüschel mit 
seinen unzähligen Blüthen uns eine Macht von Reizen entfal- 
tet, wie wir sie in der ganzen Pflanzenwelt nirgends finden, 
so wird der Baumstamm mit seinen Tausenden Aesten und 
Zweigen, in deren jedweden eine Dryade wohnt, unser Ge- 
müth eben so zur Ahnung einer Grösse und Harmonie erhe- 
ben, die uns erst im Hinblicke eines Weltganzen gebrochen 
vor die Seele tritt. 

Endlich ist in dem Sprosse noch die thatsächliche Ver- 
mehrung des Gewächses nicht zu übersehen. Viele von den 
Sprossen (nämlich die Wiederholungssprosse) haben das Ei- 
genthümliche, dass sie schon im Jugendzustande als Knospen 
(Brutzwiebeln) sich von dem Pflanzenstocke lösen und damit 
das biologische Individuum fortpflanzen; andere thun dies erst 
nach erfolgter Entwicklung. Was die Natur der Pflanze hierin 
anzeigte, hat der Mensch zu seinem Vortheil nicht sparsam 
fortgesetzt, und indem er ihr Knospen, Zwiebeln, Knollen 
u. s. w. entreisst, vervielfältiget er einen grossen Theil seiner 
Nutzgewächse. Zu den Pflanzen, deren Knospen und Knos- 
penanhäufungen sich von selbst trennen, gehören viele Zwie- 
belgewächse, wie z. B. die Feuerlilie (Zikum bulbiferum); zu 
jenen, deren Verbindung erst nach und nach aufgelöset und 
durch Zerstörung vernichtet werden muss, sind zu zählen die 
Erdbeere, die Kartoffel und mehrere andere (°*). Ohne Zwei- 
fel hat diese Bildung von Vermehrungssprossen, die man 


117 


auch Brutknospen genannt hat, 
selbst in den tiefer stehenden Fig. 34. 
Gewächsen einen gleichen Aus- 
druck gefunden. Die Bruthäuf- 
chen der Moose, Lebermoose, 
die Keimzellen der Flechten 
und Algen sind offenbar nichts 
anderes als solche Bestrebun- 
gen zur Fortpflanzung ohne 
Gegensatz eigentlicher Fort- 


pflanzungszellen. Und so se- 


4 IQ 
o- NIIIUSEIN 


hen wir bis in die ersten An- 
fänge des Gewächsreiches hinab 
eine Einrichtung getroffen, die 
die Erhaltung der Pflanzenart 
selbst unter den ungünstigsten 
Umständen und bei der grös- , 
sten Hinfälligkeit der Individuen 


dennoch aufrecht erhält. 


Mit meisterhafter Hand hat Alexander Braun die- 
ses ganze so schwierig auf einen Gesichtspunkt zurückzufüh- 
rende Chaos von Sprosswesen zu beherrschen gewusst und 
sicherlich dadurch mehr Klarheit in das Verständniss des 


Fig. 34. Ein junges Pfänzchen von Solanum utile mit sechs Blatt - Paaren. 
Aus den Achseln des ersten Blattpaares, nämlich der Keimblätter, sind 
zwei, so wie aus den des folgenden Blattpaares ebenfalls zwei Nieder- 
blattsprossen hervorgegangen, und haben sich zum Theil schon in die 
Erde versenkt. Obgleich in ihren Enden nicht, wie bei der Kartoffel, 
zu Knollen verdickt, dienen sie doch wie jene zur Vermehrung des Ge- 
wächses, indem ihre Verbindung mit der Mutterpflanze bald abstirbt. 


118 


Pflanzenbaues gebracht, als die detaillirtesten anatomischen 
Untersuchungen es bisher im Stande waren. Die Architek- 
tonik des Pflanzenbaues im Grossen verdankt ihm dadurch 


sicherlich die grössten und wichtigsten Aufschlüsse. 


VIERZEHNTER BRIEF. 


EINHEIT DER GATTUNG UND DER HEHEREN KA- 
TEGORIEEN. 


Es ist eine unbestreitbare Thatsache, dass die Pflanze 
nur in einer Reihenfolge von Verjüngungserscheinungen ihr 
Ziel erreicht. Zwischen Aufgeben des Gewonnenen und Er- 
reichung des Erstrebten, zwischen Vernichtung und Wieder- 
geburt schwebt sie, bis es ihr gelingt, das in immer grösse- 
rer Divergenz aus einander tretende Bildungsleben wieder zu 
vereinen. Die Bildung der Zellen, der Aufbau in Blatteykeln ' 
und Blattformationen und endlich die Sprossbildung und Spross- 
folge sind nichts anderes als engere und weitere Kreise, in 
welchen sich das Absterben und Wiedererzeugen der Pflanze 
darstell. Während im Thierorganismus durch alle Organe 
hindurch dieselbe Metamorphose still und verborgen durch- 
geht, wird im Pflanzenorganismus jedes Glied derselben starr 
und bleibend, und jedes neue legt sich über das alte, schwingt 
sich triumphirend über das Ziel früherer Errungenschaft. Al- 
les ist dabei nicht blos Eines, es ist auch ein neben einander 
Existirendes, so dass man den ganzen Stufengang, die ganze 
Umstaltung und Verjüngung mit einem Blicke zu übersehen 


im Stande ist. 


120 


In gleicher Folge schreitet die Pflanze bei ihrer Fort- 
pflanzung fort. Es ist kein Stillestehen mehr möglich, und 
ist auch das Individuum zum Abschlusse gebracht, so baut 
es sich in seiner Nachkommenschaft doch in derselben Weise 
fort. Dadurch entsteht eine Reihe von Individuen, räumlich 
zwar von einander getrennt, aber durch die Generationsfolge 
loch immerhin zu einer Einheit, zu einem Ganzen verbunden. 
Wie auch in der Reihe dieser Individualisirungen das Leben 
auf- und niederschwanken mag, alle Glieder desselben hän- 
gen immerhin realiter zusammen, obgleich der Faden zerreisst, 
der sie bei ihrer Entstehung zusammenhält. Die Summe die- 
ser in der Erscheinung getrennten Individuen ist es nun, 
welche wir als Gattung (species) bezeichnen, und es ist 
nicht in Abrede zu stellen, dass dieser Begriff keineswegs 
ein blosses Aggregat von Einzelheiten, sondern eine Reihe 
derselben darstellt, in der sich jedes Glied in einem gewissen 
Verhältnisse zu den übrigen Gliedern verhält. Dieses Ver- 
hältniss ist aber kein anderes als das Verhältniss, in welcher 
eine Zelle zur andern, ein Blatteyklus und eine Blattforma- 
tion zur andern und endlich ein Spross zum andern sich 
befindet. 

Dadurch geht aber von selbst hervor, dass die Gattung 
in ihrer Wesenheit dasselbe ist, was eine Zellreihe, eine Folge 
von Blatteykeln und Blattformationen, so wie eine Sprossfolge 
d. i. ein organisches Ganzes. Als solches muss dem- 
nach die Gattung auch alle jene Eigenschaften besitzen, welche 
organischen Wesen überhaupt zukommen. Unter diesen be- 
zeichnen wir vor allen andern erstens die Entstehung aus 


einem Keime, zweitens die Entwicklung zu einem vollendeten 


121 


Ganzen und drittens das Aufgeben der Individualität nach 
Erreichung der Bestimmung. 

Es müssen demnach im Leben der Gattung alle diese 
Momente, die im Einzelwesen häufig sehr nahe auf einander 
folgen, in weiteren Zeiträumen eben so nothwendig wieder 
erscheinen. Mit Einem Worte, die Gattung muss einen An- 
fang, eine Reihenfolge weiterer Entwicklungssta- 
dien und ein Ende haben. 

Leider ist die kurze Spanne Zeit, die einzelne Beobach- 
ter für die Erscheinungen dieses Lebensganges der Gattung 
widmen können, viel zu klein, um erfahrungsmässig diese 
Stadien auch nur an einer oder der andern Gattung ausfindig 
zu machen. Nur das Absterben der Gattung oder das Ent- 
stehen derselben könnte allenfalls, als auf kürzere Zeiträume 
beschränkt, ein Gegenstand der Erfahrung sein, allein da sich 
auch hierin die Beobachtungen mehrerer Menschenalter ergän- 
zen mussten, die wenigsten Pflanzen aber durch ihren Ein- 
fluss auf den Menschen seine Aufmerksamkeit auf sich gezo- 
gen haben, so ist wohl begreiflich, dass wir auch über diesen 
Punkt vollkommen im Dunkel sind. Nur aus der Thierwelt 
tauchen hie und da bedeutungsvolle Thatsachen auf, welche 
in der Pflanzenwelt ähnliche Erscheinungen vermuthen lassen. 

Aber auch zugegeben, die Pflanzengattung hat wie die 
Thiergattung ihr Existenz-Alter, d. h. die ihr zugewie- 
sene Zeit des Daseins, so lässt sich wohl das Erlöschen aus 
einer steten Verminderung der Produktivität erklären, allein 
die Entstehung derselben, ihr Hervorgehen, ihr Eintritt in 
die Natur, ist damit noch nicht erklärt, wenn wir ihr auch 


auf einmal unter den bereits bestehenden Gattungen begegne- 


122 


ten. Die Frage über den primordialen Zustand der Gattung, 
über das Verhältniss derselben zu den übrigen Gattungen und 
zur Natur im Ganzen ist damit noch nicht gelöset. 

Fasst man, wie es bisher üblich ist, die Gattung als eine 
Summe gleichgebildeter (gleichartiger) Individuen auf, an de- 
nen sich, wie die Erfahrung unserer Beobachtungsfrist zeigt, 
auch nicht eine Erscheinung sich bleibend ändert (unverän- 
derliche Merkmale), so wird man nothgedrungen zur Erklä- 
rung dieser Frage auf den Satz geführt, dass die Entstehung 
der Gattung unmöglich in einer der vorhergehenden ihren 
Grund haben könne. Es bleibt also nichts übrig, als anzu- 
nehmen: Kräfte ausser dem Bereiche der organischen Welt 
treten zur Erschaffung der Gattung zusammen, eine Annahme, 
die, wenn auch nicht im Widerspruche mit der Wirksamkeit 
anorganischer Kräfte überhaupt, doch wenigstens wie ein ba- 
res Wunder klingt. 

Ganz anders nimmt sich die Sache aus, wenn wir den 
Pfad der Analogie verfolgend die Gattung als eine Summe 
bildungsfähiger daher veränderlicher Elemente ansehen, in 
welcher zwar auf lange Zeiträume hinaus keine Metamorpho- 
sen bemerklich werden, nichts desto weniger aber im Um- 
fange von Jahrtausenden (aus welchen gering gerechnet, das 
Existenz - Alter jedes organischen Wesens bestehen mag) Kei- 
men, Wachsen, Blühen, Fruchtbringen und Reifen der Gat- 
tung erfolgt. 

Es würde allerdings irrig sein anzunehmen, dass in die- 
sem Metamorphosengange der Species eben nur die Verschie- 
denheit der Gattungen bestände, allein wer mag es leugnen, 
dass nicht durch diese immerhin an eine gewisse Norm ge- 


123 


bundene Veränderlichkeit des Bildungstriebes neue Kombina- 
tionen der Elemente entstehen, die sich von dem vorhandenen 
Gattungscharakter losreissen und als neue Gattungen in die 
Erscheinung treten. Man frage mich nicht, wann? man frage 
nicht wo dergleichen Abzweigungen aus den bereits bestehen- 
den Gattungen entstanden. Hierüber kann nur die Entwick- 
lungsgeschichte der gesammten Pflanzenwelt möglicher Weise 
Aufschluss geben, jedoch so viel ist klar, dass dieser die 
Gattung betreffende Generationswechsel weder 
den Jugendzuständen noch dem Alter der Gattung angehören 
mögen, sondern der Periode ihrer grössten Kräftigung, ihrer 
höchsten Entwicklung sowohl dem Umfange als der Energie 
des Bildungstriebes nach. 

Indess sind uns selbst in unserer fragmentarischen Beob- 
achtungszeit Erscheinungen aufgestossen, die bedeutungsvoll 
zur Unterstützung obiger Ansicht dastehen, und wenn auch 
nicht, wie man meinte, an der Stabilität der Gattungen rüt- 
telten, so doch den grossen Metamorphosengang einer Gat- 
tung in die andere und somit das Zusammengehören dieser 
unter eine höhere Einheit deutlich beurkunden. Es sind dies 
Erscheinungen, die zum Theile dem normalen Leben, theils 
dem krankhaft entfesselten Bildungstriebe angehören. Das 
Abweichen einzelner Merkmale von der Regel in der Succes- 
sion von Generationen ist eine der gewöhnlichsten Erschei- 
nungen. Bei grösserer oder geringerer Beständigkeit dieser 
Abweichungen nennen wir das eine Abartung (variatio), das 
andere Racenbildung. Wie weit dieselben oft gehen können, 
zeigen unsere Kulturpflanzen, in welchen wir die Stammeltern 


kaum wieder, ja oft gar nicht mehr zu erkennen im Stande 


124 


sind. Dass diese Abweichungen nicht durchaus von einer 
Aenderung äusserer Einflüsse, namentlich von veränderten 
Licht-, Luft-, Feuchtigkeits- und Boden-Einfluss u. s. w. 
herrühren, beweiset schon der Umstand, dass sich zwei ähn- 
liche Arten von Pflanzen unter diesen Umständen häufig ganz 
verschieden verhalten. 

Während der Bildungstrieb beider gleich stark affızirt 
wird, schlägt er bei der einen um, indess er bei der andern 
ohne Erfolg bleibt. Der Versuch daher, die Verschiedenhei- 
ten der Gattungen auf Einwirkung äusserer Momente, na- 
mentlich auf die Bodenbeschaffenheit zurückzuführen, lässt 
sicherlich den wahren Grund bei Seite stehen. Eben so un- 
zulänglich, obgleich nicht bedeutungslos, bewährt sich der 
Erfolg, den die Zeugungsthätigkeit der einen Pflanzenart auf 
die andere ausübt, wodurch sowohl bei den höheren, wie bei den 
tiefer stehenden Pflanzen (selbst bei Moosen und Farn) Mischlinge 
(Hibriditäten) entstehen, gleichsam neue aus der Kombination 
zweier hervorgegangene Gattungen. Ihre Dauer, obgleich auf 
einige Generationen anhaltend, ist jedoch immerhin beschränkt, 
daher solche Bastarde nie im Stande sind, das Bürgerrecht 
unter den übrigen ebenbürtigen Pflanzengattungen anzuspre- 
chen und zu erlangen. 

Endlich liegen noch die Erscheinungen abnormen Bil- 
dungstriebes als nicht unbedeutende Momente für das stetige 
Vorhandensein eines umbildenden Pflanzentriebes in der Wag- 
schale. Wer kennt nicht die ihm auf jeder Wiese, in jedem 
Garten aufstossenden Zeichen verwandelter Pflanzentheile. Nicht 
blos, dass sich Stamm und Blätter übermässig ausdehnen, ein 


anderes Gewebe, andere Bestandtheile u. s. w. erhalten; selbst 


125 


in der sonst so gesetzmässigen 
Blattordnung tritt ein Schwan- 
ken ein, die Cykeln ändern 
sich, die Aufeinanderfolge in 
den Formationen wird gestört, 
und Umwandlungen der son- 
derbarsten Art treten ein. Wem 
sind die sogenannten verbreite- 
ten Schösslinge, die gefüllten 
Blumen, die durchwachsenen 
Blüthen (°°), die zerschlitzten 
Früchte u. a. m. unbekannt ge- 
blieben ? Ueberall ist es der 
nach Sättigung dürstende Bil- 
dungstrieb, welcher bald ver- 
steckt, bald offen diese Erschei- 
nungen hervorruft. Und es sollte 
diesem Wandelgeist, diesem Ver- 
treter des Unsteten und Ver- 


änderlichen in der That nicht | 
ı 


gelingen, sich über die engen 
Grenzen der Gattungseigenthümlichkeit hinauszuschwingen ? 
Dies ist kaum glaublich. — Wenn wir demnach auch alle 


bisher gemachten Beobachtungen über die Umänderung der 


Fig. 35. Eine durchwachsene Lilie (Zilium candidum), in welcher sich alle 
Theile der Blume in einen beblätterten Zweig umwandelten. Der Blü- 
thenschaft dieser Pflanze hatte dadurch, dass sämmtliche Blumen diese 
Metamorphose eingingen, ein durchaus verändertes Aussehen. Die Ab- 
bildung ist die Hälfte der natürlichen Grösse. 


126 


Gattungstypen als unrichtig verwerfen müssen, können wir 
doch nicht umhin, in dem Genius, der die Gattung bestimmt, 
ihre Einheit durch alle Zeiten und Räume zu bewahren sucht, 
und wirklich bewahrt, dennoch die Kraft zu erkennen, die 
nicht blos aus Wasser Wein macht, sondern mit gleicher 
Zaubermacht auch eine Gattung in die andere überzuführen 
im Stande ist. Ist aber aller Gattungunterschied vor diesem 
Zauberstabe in Nichts versunken, wie lässt sich zweifeln, dass 
in den höheren Kategorieen nicht dieselbe genetische Einheit 
herrsche, dass nicht auch sie das Ergebniss der Abstammung 
in weiteren Kreisen sei. Wahrlich, wir würden sehr irren, 
wenn wir nicht auch diesen, durch unseren Geist zusammen- 
gefassten Einheiten eine reale Existenz beimessen. Hat sich 
die Einheit des Pflanzenleibes überhaupt nur dadurch mög- 
lich gemacht, dass alle seine einzelnen Elemente eines aus 
dem andern hervorgegangen sind, so ist diese Einheit in der 
gesammten Schöpfung der Pflanzenwelt gewiss ebenfalls nur 
dadurch möglich, dass ein Glied aus dem andern, eine Gat- 
tung aus der andern, ein Geschlecht, eine Familie aus der 
andern ihren Ursprung nahm. Und eben so wenig im Pflan- 
zenleibe auch nur eine einzige Zelle von Aussen hinzukommt, 
eben so wenig kann eine Gattung, ein Geschlecht, eine Ord- 
nung u. s. w. von Pflanzen von Aussen hergekommen, und 
nicht aus ihrem Schoosse entstanden sein. — 

So baut sich vor unserem erstaunten Blicke nicht blos 
das wunderbar gegliederte Gebäude der sichtlichen Pflanzen- 
gestalt auf, es reicht dies selbst in Regionen hinein, die un- 


ser sterbliches Auge nicht mehr zu durchdringen im Stande 


-ist. Nicht blos die Einzelpflanze, sondern das ganze Pflan- 
zenreich ist ein Bau — ein Bau zu dem die Tausend und 
aber Tausend Geschlechter wie Blätter und Blüthen, wie ein- 
zelne Zellen als Bausteine dienen. 


FÜNFZEHNTER BRIEF. 


DAS PFLANZENREICH IN SEINER RAUMLICHEN AUSDEH- 
NUNG. (GEOGRAPHIE DER PFLANZEN.) 


Werzeihen Sie mir, meine Leser, dass ich ungeachtet 
der unabsehbaren Grösse, welche der Pflanzengarten der Welt 
darbietet, dennoch den Muth habe, Sie in demselben herum 
zu führen, und Ihren Blick, wenn auch nicht nach allen Sei- 
ten hin, doch wenigstens nach den Hauptpunkten zu lenken. 
Alles Grosse erscheint uns ja erst dann in seiner wahren 
Grösse, wenn wir es aufgefasst haben, und dass das grüne 
Weltgebäude nicht minder als jedes andere der Beachtung 
werth ist, darf ich wohl als gewiss voraussetzen. Schon von 
vorn herein lässt sich vermuthen, dass der Garten, den wir 
betreten, zwar kein Irrgarten ist, in welchem sich jedoch 
einigermassen zu orientiren keine so leichte Aufgabe ist. Hät- 
ten nicht Männer wie Alexander v. Humboldt, Wallen- 
berg, Schouw, v. Martius, Robert Brown, Wallich, 
Reinwardt, Blume, Parker-Webb, Desfontaines, 
Hooker fil, Grisebach u. A. ihn bereits nach so vielen 
Richtungen durchstreift, wahrlich ich würde es nicht wagen, 
Ihr Geleitsmann zu sein und hoffen zu dürfen, Sie an das 


gewünschte Ziel zu bringen. 


129 


Durch welche Pforte wir auch eintreten mögen in den 
Park, welche Wege wir auch einschlagen und verfolgen mö- 
gen, so wird sich uns überall dieselbe Wahrnehmung auf- 
drängen, dass eine bunte Mannigfaltigkeit von Gestaltungen, 
ein Durcheinanderdrängen der differentesten Formen selbst bis 
auf den kleinsten Flächenraum der hervorstechendste Zug in 
dem Charakter der vegetabilischen Welt bilde. Fast möchte 
man glauben, dass eine Gesetzmässigkeit in der Anordnung 
der verschiedenen Glieder dieses Weltganzen durchaus nicht 
vorhanden, ja sogar bei der Unbestimmbarkeit der Entwick- 
lungen einerseits und der Wandelbarkeit äusserer Einflüsse 
andererseits ganz und gar unmöglich sei. Dem ist jedoch 
nicht so; denn zeigt sich uns auch allenthalben ein innigeres 
oder lockeres Durchweben der verschiedensten Formen, so 
wird doch der Blick gar bald dort und da von gesellig zu- 
sammenlebenden, wenn auch nicht ihrer Natur, so doch ihrer 
Lebensweise und Tracht nach verwandter Pflanzen angezogen, 
und es erscheint hier eine Flur, dort ein Wald, da eine 
Haide und Steppe, dort ein Moor, ja selbst an diesen Sam- 
melplätzen ähnlicher Trachten tritt nicht selten das Blutsver- 
wandte enger zusammen und schliesst in seinem vertraulichen 
Beisammensein alles Fremde mehr oder weniger aus. Ein 
Tannenforst, ein Küstensaum von Manglebäumen (Rhizophora 
Mangle), ein Haideland von Erica drücken ein bei weitem 
innigeres Gesellschaftsband aus, als die blumige Alpenmatte, 
die baumdurchwirkte Aue oder der undurchdringliche Urwald. 
Diese Verhältnisse sind nicht etwa erst eine Folge der Ein- 
wirkung des Menschen, dessen Hand allerdings mächtig in 


den Bestand der Vegetation eingriff, — sie sind vielmehr als 


Botanische Briefe, N) 


150 


ursprüngliche aufzufassen , wenigstens vor allem derartigen 
Einfluss längst stabil geworden. Geschieht auch durch die 
Benützung des Bodens diesem ursprünglichen Charakter man- 
cherlei Eintrag dadurch, dass durch den Anbau die Gesellig- 
keit einzelner Arten unterstützt wird, so ändert das im We- 
sentlichen doch wenig, und nur zu bald stellt sich, so wie 
jener Schutz aufhört, das frühere Verhältniss wieder her. Der 
Mensch hat als vermeintlicher Herr der Schöpfung bei Be- 
nützung seiner Wohnstätte es nur zu oft zu seiner Beschä- 
mung erfahren, dass er über die bestehende Anordnung der 
einzelnen Glieder des Gewächsreiches nur im ganz beschränk- 
ten Sinne Meister zu werden im Stande war, ja dass er dort, 
wo er anmassend Gewalt anzuwenden suchte, wohl gar von 
einer ihm unbekannten Macht in die Schranken verwiesen 
wurde. Es zeigt sich nämlich gar bald, dass jedem Gewächse 
auf der Erde ein bestimmtes Territorium angewiesen ist, das 
es ohne Gefahr für seine Existenz nicht zu verändern ver- 
mag. Sehet die Alpenrose vom Waldbach ins Thal hinabge- 
führt, wie sie trotz der lauen Lüfte dahinsiecht, betrachtet 
den aus Westindiens Wäldern vom Golfstrom an die Küsten 
Norwegens getragenen Samen, wie er, bevor er noch gekeimt 
hat, schon der Ungunst des Klima’s unterliegt! Oder ist etwa 
die Pflanze des ehrwürdigen Granithauptes, die der Sturm 
wohlbehalten an den nahen Kalkfels hingeweht, besser daran? 
oder das im lockeren Sande wuchernde Gras, das die Fluthen 
in zähen Thon eingebettet haben? — Vergebens scheinen selbst 
die mächtigsten Kräfte der Natur an dem Bestande der Ve- 
getation anzukämpfen, ohne irgend etwas Wesentliches ändern 


zu können, und wir sind daher gedrungen, anzuerkennen, 


131 


dass es feste Gesetze gibt, nach welchen diesen Pflanzen der, 
jenen Pflanzen ein anderer Ort ihres Daseins und der Ver- 
breitung angewiesen wurde. 

Am einflussreichsten hat sich hierbei unstreitig das Ge- 
setz der Abhängigkeit von der Wärme geltend gemacht. 
Dem eisernen Scepter dieses Einflusses beugt sich jedwede 
Pflanze, sie mag von Luft, sie mag von Wasser umfluthet 
sein. Wenn auch ein gewisses Wärmemass nicht gerade ge- 
staltverwandte Pflanzen vereiniget, so bringt es doch eine 
Vereinigung von Gewächsen zu Stande, die ihrem Habitus 
und ihrer Kapazität nach für eben dieses Agens mehr als an- 
dere unter einander gleichgestimmt sind. Auf diese Weise 
tritt in den allerumfassendsten Zügen die Verschiedenheit der 
Vegetation nach der Vertheilung der Wärme auf der Erde 
hervor, und wir unterscheiden auf das auffallendste eine Ve- 
getation der Polarländer, der gemässigten Zone, 
der wärmeren Länderstriche und der Tropenge- 
genden mit noch kleineren Nuancirungen, die zwischen je- 
nen Erdgürteln liegen. Da aber das Wärmemass überall auf 
der Erde eben so nach der Höhe, wie nach den Breitengra- 
den abnimmt, so entsprechen den in horizontaler Erstreckung 
auf einander folgenden Vegetationszonen eben solche dort, wo 
sich die Oberfläche der Erde mehr oder minder bedeutend 
über das überall gleiche Niveau des Wassers erhebt, und wir 
haben in unseren Gebirgen von unten nach aufwärts dieselbe 
Abwechslung der Vegetation, welche die Aufeinanderfolge der 
Breitenzonen darbietet, nur hier in rascherer Aufeinanderfolge, 
gleichwie die Abnahme der Temperatur hier ungleich rascher 


als dort erfolgt. Diesem Umstande ist es demnach zuzuschrei- 
g* 


132 


ben, dass die Vegetation der Polarländer und der höchsten 
Bergspitzen der Erde, welche die immerwährende Grenze des 
Schnees und Eises erreichen, eben so in ihrer Physiognomie 
übereinstimmen, wie es die Gewächse wärmerer Klimate und 
der Tropen durch die ganze Erde zeigen. Wie sehr trägt 
nicht die Vegetation des Feuerlandes, der Staateninsel, der 
Maluinen, von Kerguelensland und der südlichen Polarländer, 
die Vegetation der nördlichen Eiszone und die Vegetation un- 
serer mitteleuropäischen Hochalpen, der Anden, des Himalaıja 
u. s. w. einen gemeinsamen Anstrich, der sich nicht blos auf 
den allgemeinen Habitus, sondern selbst bis auf Familien -, 
Geschlechts- und Gattungsähnlichkeit erstreckt. 

Ein Beispiel geben die allverbreiteten Gattungen Ranun- 
culus, Geranium, Epilobium, Saxifraga, Poa, Festuca, Carex 
u. a. m., die eben so an dem unwirthlichen beeisten Strande 
von Victorialand und den Spitzbergen, wie auf den öden Klip- 
pen der Alpen, der Anden, des Himalaija u. s. w. ihre Reprä- 
sentanten haben. Ein Gleiches gilt auch von den übrigen 
Zonen. 

Nächst der Temperatur ist die Beschaffenheit des 
Bodens, oder in grösserer Allgemeinheit ausgedrückt, die 
Unterlage, von dem entschiedensten Einflusse auf die räum- 
liche Anordnung der Gewächse. Hat jene die Pflanzen nach 
gewissen Regionen vertheilt, so ist die Unterlage derjenige 
Aequator, der sie nach gewissen Distrikten ordnet, und ihnen 
sogar bestimmte Standorte anweiset. Nach dem Bedürfnisse 
für spezifische Nahrungsmittel, ungeachtet der überall verbrei- 
teten allgemeinen Nahrungsstoffe, drängen sich die ihrem Na- 


turell nach verwandten Pflanzen immer wieder näher zusam- 


men, so wie ihnen jene Bedingungen in einer grösseren oder 
geringeren Ausdehnung dargeboten werden. Und so theilen 
sich Land- und Wasserpflanzen und nach dem Unterschiede 
des Wassers diese weiters in Süsswasser- und Meerespflanzen, 
so wie die Landpflanzen nach der physischen und chemischen 
Natur des Bodens in Sumpf- Sand- Fels- Pflanzen, — in Torf- 
pflanzen, Salzpflanzen und in Pflanzen des Kalkes, des Gyp- 
ses, des Thonschiefers, des Granites u. s. w. Wir ersehen in 
der grossen Mannigfaltigkeit der physischen und chemischen 
Beschaffenheit des Bodens die Bedingungen einer eben so 
grossen Mannigfaltigkeit (ler von eigenthümlichen Pflanzen be- 
haupteten Distrikte. Wie einflussreich sich hierin selbst die 
durch grössere oder geringere Verbreitung und Wechsel ge- 
wisser geognostischer Formationen hervorgebrachte Einerlei- 
heit und Verschiedenartigkeit der Vegetation erweiset, zeigt 
jedes Land, jedes Gebirge. 

Wie die Wärme, so ist auch der Wassergehalt der At- 
mosphäre und die davon abhängige Feuchtigkeit der 
Luft und des Bodens an gewisse Normen in ihrer Ver- 
theilung über die Oberfläche der Erde gebunden, und sind 
die Gürtel periodischer Niederschläge nach der Menge des fal- 
_lenden Wassers auch weniger regelmässig, so scheint darum 
die Vegetation nicht weniger diesem einflussreichen Momente 
zu folgen. Nicht nur das Vorhandensein, die Stärke und 
Ueppigkeit der Vegetation hängt davon ab, sondern auch die 
Periodieität ihres Erwachens und Schlafens.. So wie Wärme 
und Kälte in und über die gemässigte Zone hinaus ein Still- 
stehen und Wiederaufleben der Vegetation bedingt, so hat 
Feuchtigkeit und Trockenheit der Luft und des Bodens in 


134 


den wärmeren Gegenden ein ähnliches Schwanken zur Folge. 
Dort aber, wo Wärme und Feuchtigkeit sich zugleich in ho- 
hem Masse geltend machen, erfolgt auch eine Ueppigkeit der. 
vegetabilischen Decke, die sich eben so in der Mannigfaltig- 
keit der Formen wie in der Massenhaftigkeit der Individuen 
gusspricht. Während wir demnach leichten Fusses über Al- 
penmatten und Wiesengründe der Polarländer hinwegschrei- 
ten, müssen wir uns durch das unentwirrbare Gedränge der 
Urwälder der Tropen wie z. B. Brasiliens, West- und Ost- 
indiens, der Sunda-Inseln u. s. w., ja selbst der feuchten 
Chonos-Inseln mittelst der Axt Bahn brechen und sind nicht 
sicher mit jedem Schritte von rankenden, schlingenden, über 
einander aufgethürmten und schmarozenden Gewächsen um- 
ringt und gefangen gehalten zu werden (?°). 

Haben sich nun aber auch alle bisher durchgeführten 
äusseren Einflüsse als Bedingungen gleichförmiger Gestaltun- 
gen der Pflanzenwelt für grössere oder kleinere Distrikte gel- 
tend gemacht, und je nach ihrer mehr regelmässigen oder 
unregelmässigen Vertheilung auf der Erdoberfläche eine bald 
monotone bald in, kleineren Räumen wechselnde Vegetation 
erzeugt, so ist doch dadurch keine solche Gruppirung der 
Pflanzen hervorgegangen, dass die ihrem morphologischen Cha- 
rakter nach verwandten Gewächse darnach in nähere Berüh- 
rung gebracht worden wären. Die Matten des Nordens wer- 
den nicht ausschliesslich hier durch Moose, dort durch Gras- 
arten, an einer dritten Stelle durch doldentragende Gewächse, 
eben so die Wälder der Tropen hier durch Fikusarten, dort 
durch Cäsalpinien und Leguminosen u. s. w. gebildet. Ein 
inniges Vermischen selbst der im Habitus oder in ihrem 


Naturell verwandten Pflanzen ist durchwegs zu bemerken und 


bildet einen so hervortretenden Zug in der Physiognomie der 


Fig. 36. Ein tropischer Urwald in Brasilien (Pedra da Onga) nach Zeich- 
nungen von Benj. Mary. (v. Martius Flora brasiliensis fasc. A. tab. phys 
XXXIV.) 

Diese Landschaft stellt eine in die üppigste Vegetation eingehüllte Fel- 
senpartie vor, in deren Tiefen ein kleines Wässerchen rieselt. 
Palmen und verschiedene tropische Laubbäume bilden den Holzwuchs, 


156 


verschiedenen Pflanzenformationen, dass es nur höchst selten 
geschieht, wenn nahe verwandte Formen sich ausschliesslich 
des Bodens bemächtigen oder doch wenigstens vorwiegend er- 
scheinen. Auf dieses Verhältniss des Vorwiegens gewisser 
durch Verwandtschafts-Gesetze unter einander verbundener 
Pflanzen beruht zuletzt der Charakterzug, den diese oder jene 
Gegend, der oder jener Strich Landes erhält, welcher, ob- 
gleich er nicht immer scharf in die Augen fällt, doch durch 
die Beobachtung gefunden werden kann, und der es auch 
rechtfertiget, die ganze Oberfläche der Erde nach diesen Ve- 
getationseigenthümlichkeiten eben so in Reiche abzutheilen, 
wie es die Sonderung der verschiedenen Völkerschaften der 
"grossen Menschenfamilie erheischte. So wie wir also ein Reich 
der Sinesen, der Hindus, der äthiopischen Völker, der Incas 
u. 8. w. haben, eben so gibt es ein Reich der Camellien und 
Celastrinen, der Scitamineen, der Stapelien und Mesembrian- 
themen, der Cinchonen, Cacteen u. s. w., wenn auch that- 
sächlich nicht immer wie dort die Natur hervorragender Völ- 
kerstämme so hier die Masse der Pflanzen als massgebend 
erscheint. Wer wird es leugnen, dass über den letzten Grund 
der Vertheilung der Völkerfamilien noch ein tiefes Dunkel 
schwebt, und wer mag es in Abrede stellen, dass uns die 
Einflüsse, welche diese und keine andere Vertheilung der 


an deren lebenden und abgestorbenen Stämmen ganze Truppen von grös- 
seren und kleineren krautartigen Gewächsen wuchern, worunter insbe- 
sonders die kletternden grossblättigen Pothos und Caladium, die schönen 
Blattbüschel der Bromelien und die ähnlich unserem nordischen Baum- 
bart (Usnea) von den Aesten herabhängende Tillandsia usneoides unser 
Auge anziehen. Während hier Massen von dürstenden Gewächsen sich 
nach dem Wasser drängen, scheinen dort andere in die Luft zu entflie- 
hen und sich von Baum zu Baum schwingend das Dickicht nur noch 
undurchdringlicher zu machen, durch das selbst die glühenden Sonnen- 
strahlen nur schwer bis an den dampfenden Erdboden gelangen. 


157 
Pflanzengruppen auf der Erde bewirkten nicht eben so unbe- 
kannt sind. Allerdings mag der Schlüssel für das Verständ- 
niss des einen wie des anderen Geheimnisses in den früher 
durchlebten Verhältnissen zu suchen sein, aber wer möchte 
nicht vermuthen, dass wie überall in der Natur, auch hier die 
einfachsten Verhältnisse zum Grunde liegen. 

Ist die Pflanzengattung nach ihrer dermaligen Erschei- 
nung, wie wir es wahrscheinlich zu machen suchten, eine Pro- 
genies der Altvorderen, und führt diese Annahme zuletzt auf 
immer wenigere und einfachere Grundtypen, so lässt sich bei 
den immer grösser werdenden Verbreitungsbezirken, in wel- 
chen die Urformen dereinst erschienen, eine eben so grosse 
Verbreitung aller abgeleiteten Typen als nothwendig erkennen. 
Wie demnach die Urformen sich die ganze Erde unterwarfen, 
ınussten die sich in steten Gegensätzen bildenden abgeleiteten 
Typen sich in das Bereich des gesammten Festlandes und der 
Oberfläche der Erde überhaupt theilen. Es konnten somit 
nicht irgendwo nur die einen, am andern Erdtheile die andern 
unter sich verwandten Formen hervorgehen, sondern die grösst- 
möglichste Mischung derselben musste die Folge sein, abge- 
sehen davon, dass äussere klimatische Boden- und andere 
Unterschiede die ursprüngliche Differenzirung noch vielfältig 
unterstützten und erweiterten. 

Wenn wir demnach die ursprünglichen Schöpfungsherde 
der Pflanzengattungen fast gar nicht mehr auszumitteln im 
Stande sind, so liegt es wahrlich nicht in ihrem Mangel, son- 
dern in dem vielfältigen Verschlingen und Verweben ihrer 
fortwährend veränderlichen Grenzen, gleichwie die in einem 
Wasserspiegel durch fallende Körper erzeugten Kreise eben 


158 


so schwer der Zahl und der anfänglichen Stelle nach bestimmt 
werden können. 

Aber für das geistige Bedürfniss des Menschen sowohl 
als für das leibliche ist diese vielseitige Durchschlingung der 
Vegetation von grossem Vortheile.e Während einerseits eben 
dadurch der Sinn für Einheit in der Mannigfaltigkeit geweckt 
und geschärft wird, hat es dasselbe Verhältniss möglich ge- 
macht, dass der Mensch sich über die ganze Erde ausbreitete 
und überall die Bedingungen seiner Existenz finden konnte. 
Der Irrgarten, als welcher dem Unverstande der Pflanzengar- 
ten der Welt erscheint, wird demnach für den Einsichtsvollen 
in der That zum Ausdrucke der innersten Harmonie, zu einem 
wahren Eden, für welches ihm nur — die Unschuld fehlt. 


SECHZEHNTER BRIEF. 


DAS PFLANZENREICH IN SEINER ZEITLICHEN ERSCHEI- 
NUNG. . (GESCHICHTE DER PFLANZENWELT.) 


Schon einige Male sind wir bei dem Eingehen in die ur- 
sächlichen Verhältnisse der Erscheinungen der Pflanzenwelt 
auf die Betrachtung seiner früheren Zustände hingewiesen 
worden. Die Pflanzenwelt als ein vielgliedriges Ganzes, die 
Gruppirung der Glieder über die Oberfläche der Erde u. a. m. 
sind Dinge, die ohne Auffassung des ihnen zum Grunde lie- 
genden Ganges der Entwicklung nie in ihrer wahren Bedeu- 
tung erkannt werden können. Dies und mehreres Anderes 
drängt uns, nicht blos das jugendfrische Antlitz der Pflanzen- 
schöpfung der dermaligen Welt, sondern eben so auch das 
altergraue der Vorzeit ins Auge zu fassen. Wir dürfen uns 
aber keinen grossen Gewinn von der Betrachtung des Doppel- 
antlitzes dieses Janushauptes versprechen, wenn wir in dem 
nach rückwärts blickenden Gesichte desselben etwa nur den 
unserer Zeitrechnung unmittelbar vorausgegangenen Zustand 
kennen zu lernen im Stande wären. 

Abgesehen davon, dass bei dem Mangel aller historischen 
Ueberlieferung, aller Denkmäler der Vorzeit ohnehin kein de- 
taillirtes Bild möglich wäre, würde uns dasselbe überdies 


140 


wenig lehren, da alle historischen Zeitabschnitte viel zu kurze 
Perioden umfassen, indem Veränderungen der Art, wie sie im 
Leben der Gattung vorkommen, unmöglich in so engen Gren- 
zen der Zeit hervortreten können. Nur Perioden, die weit 
über die historische Fassung der Menschengeschichte hinaus- 
reichen, sind allein im Stande, uns über dergleichen Zustände 
Licht zu verschaffen. Aber indem wir einen so umfassenden 
Zeitraum für eine erfolgreiche Betrachtung beanspruchen, ge- 
nügt es uns eben so wenig in jene Zeit hinüberzublicken, die 
dem Dasein des Menschengeschlechtes unmittelbar vorherging, 
Ja um für jene Zustände der Vegetation einen weiteren An- 
haltspunkt zu finden, wird ein Zurückgehen auch auf frühere 
Zeiträume nothwendig, und so gelangen wir, soll unsere An- 
sicht vollständig und folgerecht werden, zur Betrachtung ei- 
ner ganzen Reihe aufeinanderfolgender Perioden bis zu einer 
Zeit, wo die ersten Pulsschläge des Lebens überhaupt fühlbar 
geworden sind. Nur in dieser Succession der Zustände des 
Pflanzenlebens liegt ihre Entwicklungsgeschichte, liegt aber 
auch das „darum“ auf das „warum“, das wir auf andere Weise 
nicht zu beantworten vermöchten. 

Wenn es als eine ausgemachte Wahrheit zu betrachten 
ist, dass kein Tropfen Wassers auf der Erde verloren geht, 
kein Atom des All’s verschwindet, dass überhaupt nichts spur- 
los zu Grunde geht, so liegt in dieser Wahrheit der grösste 
Trost für diejenige Wissenschaft, die sich die Betrachtung 
der Begebenheiten, die Veränderungen der Dinge und ihre 
Schicksale in der Zeit zum Vorwurfe macht. Da jeder Zu- 
stand die Folge eines vorausgegangenen Zustandes ist, und 


dieser immer weiter auf eine Reihenfolge früherer Zustände 
. 


44 


hinweiset, so bedarf es nur eines einzigen Schlüssels, um von 
dem letzten Verschlusse zu dem ersten zu gelangen. Dieser 
Schlüssel ist jedoch noch für die wenigsten Dinge gefunden, 
namentlich eben so wenig für die Pflanzenwelt. Statt also 
aus den dermaligen Zuständen die früheren Zustände zu er- 
forschen, um dieselben als nothwendig vorausgegangene Pha- 
sen zu bezeichnen, bleibt uns nichts übrig, als nachzufor- 
schen, ob nicht etwa Monumente vorhanden wären, welche 
vorausgegangene Schöpfungsperioden hinterliessen, und die 
durch den Zahn der Zeit vielleicht noch nicht ganz zerstört 
sind. 

Indem wir uns diese antiquarischen Forschungen zum 
Zwecke machen, gehen wir in der That nicht leer aus. Bei 
sorgfältiger Durchsuchung der verschiedenen Erdschichten und 
Gesteinsbauten stossen wir bald auf Münzen mit wohlerhalte- 
nem Gepräge, bald auf Utensilien und Kunstgegenstände man- 
cherlei Art, ja selbst auf Grundvesten von Bauwerken, die 
uns ein nicht undeutliches Bild einstiger Zustände gewähren. 
Die Münzen sind für die Geschichte der Pflanzenwelt die Ab- 
drücke von Blättern und anderen Pflanzentheilen, die Uten- 
silien die Versteinerungen, die Grundvesten der Bauwerke die 
Lager von Steinkohlen, Ligniten u. dgl. Alles dieses spricht 
aber so zuversichtlich für eine Zeit früheren Daseins der Pflan- 
zenwelt, als in ihren verschiedenen Formen und der Aufein- 
anderfolge derselben die Phasen ihrer Entwicklung dargelegt 
sind. — 

Das Suchen nach den für den Menschen so nützlichen Me- 
tallen hat denselben schon seit den ältesten Zeiten veranlasst, die 
verborgenen Tiefen der Erde aufzuschliessen, der Hang nach 


142 


erhöhtem Wohlstand hat das Bedürfniss hiefür fort und fort 
vermehrt, und dadurch beigetragen, immer tiefer und allsei- 
tiger vorzudringen. Es konnte dabei nicht ausbleiben, wenn 
die Arbeit von Erfolg sein sollte, in der Kenntniss des Baues 
der Erdveste, oder wie wir vielmehr sagen sollen, der Erd- 
rinde, immer weitere Fortschritte zu machen. Die hierüber 
gemachten Erfahrungen zusammengestellt bilden das was man 
Bergbaukunde, Geognosie, Geologie u. s. w. nennt. 

Das ganze Alterthum hat indess für die in den oberfläch- 
lichen Erdschichten verborgene Geschichte der organischen 
Wesen und daher auch der Pflanzen keine Ausbeute gemacht. 
Das Gold ging ihm über alles; es übersah die verschlossenen 
Goldklumpen, die neben jenen offen daliegenden Körnern wa- 
ren. Erst vor einigen Jahrhunderten, in der Zeit, wo der 
Mystiecismus ahnungsvoll und phantasiereich den Schleier der 
Isis emporzuheben versuchte, fanden versteinerte Muscheln, 
Gebeine von Drachen und Unthieren eine Beachtung, und eben 
so ergötzte sich das Auge an den zarten Zeichnungen der 
Blattformen unbekannter Pflanzen und liess aus dem in Stein 
umgewandelten Holze Kunstgegenstände mancherlei Art be- 
reiten. 

Noch war die Paläontologie, die Vorläuferin einer Ge- 
schichte organischer Wesen, kaum ein lallendes Kind. Der 
grösste Fortschritt geschah erst mit dem durch die Noth ge- 
botenen Aufschluss der Lager fossilen Brennstoffes. Wer hatte 
noch vor 200 Jahren geahnet, dass in den den Mineralkörpern 
ganz und gar verwandten Steinkohlen nichts anders als die 
Reste einer ungeheueren Vegetation der Vorwelt begraben 
liegen, — wer hätte vermuthet, dass es uns aus den an der 


145 


Grenze dieser Lager im tauben Gesteine vorkommenden Ab- 
drücken von Blättern, Rindentheilen, Früchten, Samen u. s. w., 
so wie aus ihrer hie und da erhaltenen Struktur gelingen 
würde, ihre Bildungsgeschichte zu lesen, — wer hätte endlich 
damals die kühne Hoffnung gehegt, daraus sogar einen Mass- 
stab für die Zeit zu finden, und die Millionen von Jahren zu 
zählen, die in der Bildung der Pflanzenwelt der Gegenwart 
vorausgegangen sind? Haben dem Geschichtsforscher die Geo- 
gnosten ein immer vollständigeres Bild von der Aufeinander- 
folge der Gesteinsschichten und der Schichtenkomplexe (For- 
mationen) gegeben und die Entstehungsweise derselben an- 
schaulich gemacht, so unterliessen es jene umgekehrt nicht, 
Schritt für Schritt von den untersten bis zu den obersten 
Schichten die in ihnen eingeschlossenen, obgleich meist nur 
in Trümmern, aber dennoch zum Kennen erhaltenen organi- 
schen Reste aufzulesen, sie unter einander zu vergleichen, zu 
ordnen und sich durch diese bedeutungsvollen Wraks früherer 
Schöpfungsperioden einen Ueberblick sämmtlicher Wesen und 
ihrer Formen zu verschaffen. 

Es stellte sich gar bald die unzweifelhafte Wahrnehmung 
heraus, dass die Pflanzenwelt so wie die Thierwelt von den 
frühesten Weltaltern an bis jetzt einen mächtigen Umschwung 
erlitten haben. Alle Zweifel über die Unvollständigkeit un- 
serer Untersuchungen wurden gelöset, und wenn uns gegen- 
wärtig auch nicht das ganze Materiale vor Augen liegt, wor- 
aus die heutigen Schöpfungen der Pflanzenwelt ihren Reich- 
thum entfalteten, so sind uns doch die wesentlichen Glieder 
jener bis in undenkliche Zeiten hinabgehenden Vegetation 
sicherlich nicht mehr verborgen. 


14 


Aus der Zusammenstellung aller bisher gelieferten Bei- 
träge von Sternberg und Lindley bis Ad. Brongniart 
und Göppert geht für die Entwicklungsgeschichte der Ve- 
getation als sicher hervor, dass mit den sieben grossen 
geologischen Perioden (die jetzige mit eingerechnet), 
auch die Pflanzenwelt, die in sieben grössere Abstufun- 
gen zerfällt, nur stufenweise ‘sich nach und nach hervorge- 
bildet hat. 

Zeichnet sich die erste oder die Uebergangsperiode durch 
den vorherrschenden Charakter der allereinfachsten Gewächse 
aus, so ist es die Steinkohlenperiode, die durch das Ueber- 
wiegen der sogenannten Gefässkryptogamen, die Triasperiode 
durch die Monocotyledonen, die Juraperiode durch die nackt- 
samigen Pflanzen u. s. w. bis zur heutigen siebenten Periode, 
die durch den überwiegenden Einfluss der dialypetalen Pflan- 
zen bestimmt wird. Diese Untersuchungen zeigen ferner ganz 
klar, dass selbst die erste der Schöpfungsperioden mit einer 
Summe von Pflanzenformen begann, die massgebend für alle 
übrigen sein konnte, d. h. in welcher die Keime für alle spä- 
ter erfolgten Entwicklungen zu finden sind, mit einem Worte, 
mit Pflanzen, die in der That als wahre Urformen anzusehen 
sind. Es liegt also der Pflanzenwelt im Ganzen nicht etwa 
eine einseitige lineare Entwicklung zum Grunde, sondern eine 
allseitige, strahlenförmige Ausbreitung, und in jenen Urbil- 
dern ist der ganze Inhalt der Jetztvegetation, wie in einer 
nach flüchtigen Umrissen entworfenen Kreidezeichnung' ent- 
halten (*”). 

Konnte es sich bei diesem steten aus sich Herausgehen 
der Vegetation, welche sich nach und nach in den Schöpfungs- 


EIN CALAMITENWALD DER STEINK( )HLENPERIODE. 


145 


perioden versinnlichte, anders kommen, als dass mit der Ent- 
stehung neuer Formen die früheren allzumal ihr Ende, ihr 
Erlöschen fanden. So schreitet die Idee der Pflanze, wie frü- 
her von Zelle zu Zelle, von Blatt zu Blatt, von Spross zu 
Spross, von Individuum zu Individuum auch hier in stetem 
Absterben und Neuerzeugen der Geschlechter in ununterbro- 
chenem Wellenschlage der Verjüngungen vorwärts, eine Schö- 
pfungsperiode um die andere bedingend, jede neu, jede fremd, 
jede aus den früheren verwandten aber durchaus veredelten 
Elementen hervorgehend. 

Wie ganz anders erscheint uns nun die Pflanzenwelt der 
Gegenwart, sie, die durch Tausende ungenügender Versuche 
zu ihrer gegenwärtigen Vollkommenheit und ihrer weitumfas- 
senden Verbreitung herangereift, in der Mannigfaltigkeit ihrer 
Geschlechter ihre ganze Geschichte in sich abspiegelt. Kann 
uns der bisher unerklärte Eindruck, den ein Farnkraut, ein 
Nadelwald, ein Cycadeenbusch,, ein Grasfeld auf uns macht, 
in seiner letzten Bedeutung noch verborgen bleiben? Ist es 
nicht das längst verschlossene Grab der Steinkohlenflötze, das 


Fig. 37. Man sehe beiliegendes Bild, welches einen Calamitenwald der Stein- 
kohlenperiode darstellt. Es gehört diese seltsame Vegetation dem Jugend- 
alter unseres Planeten an, in welchem zwar schon die vier grossen Haupt- 
gruppen der Pflanzen-Gestaltung (Zhallophyta, Acrobrya, Amphibrya und 
Acramphibrya), von letzterem jedoch nur die erste Abtheilung (Gymno- 
spermae) entwickelt waren. 


Ausser den schachtelhalmähnlichen Bäumen, einigen Farnkräutern und 
Farnbäumen und der seltsamen Stigmaria ‚ficoides, welche versumpfte Stel- 
len bewohnte, sehen wir hier noch kein edleres Gewächs, nicht einmal 
einen kätzchentragenden Laubbaum. 


Der Einbruch einer Wassermasse stürzt die hochwüchsigen, hohlen und 
brüchigen Calamiten-Stämme leicht über einander, und vermehrt so wie 
Windbrüche auf. unseren Torfmooren die Pflanzenmasse, die sich nach 
und nach in Steinkohle verwandelt. Eine trostlose Oede, von keinem 
höher belebten thierischen Wesen bevölkert, scheint sie so recht eigent- 
lich zu einer Wahlstätte auserkoren, auf der durch Jahrtausende fort und 
fort die wildesten Stürme sich unversöhnt begegneten. 


Botanische Briefe. 10 


sich hier aufthut, das geheimnissvolle Dunkel der Jurazeit, 
der Triasperiode, das uns aus denselben anspricht? Wie alle 
Trümmer untergegangener Grössen etwas Klagendes an sich 
haben, so können die letzten Reste jener dahinsiechenden For- 
men ebenfalls nicht anders als im Tone der Wehmuth zu uns 
reden. 

Diese Sprache gemischt mit der heiteren der in höchster 
Entwicklung begriffenen Formen ist der wunderbarste Kon- 
trast, der durch das Auge in unser Ohr dringt, und erklärt 
besonders bei empfindsamen Menschen vielleicht allein das 
Wohlgefallen und das Missbehagen, das die eine und die an- 
dere Pflanze in ihnen hervorbringen; für den denkenden Men- 
schen aber ist und bleibt es immerhin eine Aufforderung, sich 
in die Tiefen ihres Seins und ihrer Bedeutung zu versenken. — 

Wir haben die Pflanze anfänglich mit einem Baue ver- 
glichen. Die elementare Zusammensetzung aus Zellen, ihre 
Verbindung und Anordnung zu Massen, der Aufbau ihres 
Leibes in der Form übereinander gestellter Stockwerke, alles 
das lässt vielfache Vergleichungen mit der Konstruktion von 
Bauten zu. Es ist aber noch ein Vergleich, der nicht minder 
als die vorhergehenden passt, übrig, es ist der Vergleich der 
verschiedenen Baustyle und ihrer Ornamentik mit dem histo- 
rischen Charakter der Vegetation. 

Gleichwie sich jener aus den einfachsten Formen ent- 
wickelte und allmälig in den indischen, egyptischen, ma- 
layischen und in den antiken Styl der klassischen Völker des 
Alterthumes überging, aus welchen sich der byzantinische, 
der maurische, der gothische und alle modernen Baustyle 
hervorbildeten, so sehen wir auch den Baustyl der Pflanzen- 


welt vielfach geändert. Und wie es uns seltsam ergreift, wenn 


147 
wir neben den halbversunkenen Bauwerken der Tolteken das 
leichte, lichte Dach der Romanen, neben den Tempeltrümmern 
ihrer Herrschaft baren Götter, das verschlossene Häuschen, 
neben den Königsgräbern und Pyramiden die ärmliche Stroh- 
hütte erblicken ; so ist der Eindruck kein anderer, als wenn 
wir im Schatten absterbender Nadelwälder die lächelnde Rose, 
im altergrauen Eichenhain das heitere kleine Veilchen bemer- 
ken, und die Aufgabe, das Leben nur für eine vorübergehende 
Form des Daseins zu nehmen, tritt klarer in den Vordergrund 


der Empfindung. 


10° 


SIEBENZEHNTER BRIEF. 


WESEN DER PFLANZE. — ANKNÜPFUNG AN DIE 
SCHCEPFUNGSIDEE. 


Eines; und zwar das Wesentlichste, ist noch übrig, um 
das Bild, welches wir von der Pflanze zu entwerfen suchten, 
zu vollenden, — das ist ihre Stellung in der Reihe der or- 
ganischen Wesen überhaupt, in der sie selbst wieder nur ein 
Glied ausmacht. 

Nicht bloss im Organismus der Pflanze als Einzelwesen, 
im Leben der Gattung so wie des gesammten Pflanzenreiches 
hat sich die innigste Verkettung aller Einheiten kund gege- 
ben, es scheint, dass sich dieses Band noch weiter hinauszieht 
und zunächst ein Wesenreich berührt und durchschlingt, das 
weit über die stille in sich verschlossene Pflanze hinausreicht. 

Wie enge diese Berührung zwischen Pflanze und Thier, 
wie innig die Durchdringung sowohl in materieller als ideeller 
Richtung zwischen beiden ist, möge mir zum Schlusse etwas 
näher zu beleuchten erlaubt sein. 

Schon seit Langem bildete die scharfe Abmarkung bei- 
der Gebiete des Lebens eine Hauptaufgabe für alle Jene, die 
gewohnt sind, alles nach fest bestimmten Normen zu betrach- 
ten. Die vulgären Begriffe von Pflanze und Thier, mit denen 
man wohl auslangt, wenn man sich in den mittleren Theilen 


ihres Bereiches bewegt, schienen nicht mehr auszureichen, so 


149 


wie man sich den Grenzen näherte. Ein vielfaches Ineinan- 
dergreifen der Marken schien um so deutlicher hervorzutreten, 
je emsiger man bemüht war, sowohl im Baue und in der 
chemischen Constitution als in den Lebensäusserungen sichere 
Unterschiede auszumitteln. Einmal glaubte man in den Ele- 
mentartheilen und der Art ihrer Vervielfältigung, im Baue 
und in der Anordnung der Organe einen Unterschied zwischen 
Pflanze und Thier zu finden, ein anderes mal versprachen die 
Stoffverhältnisse beider sichere Grenzscheiden, und wenn das 
nicht, sollten doch in den Lebenserscheinungen derselben, na- 
mentlich in den Bewegungsphänomenen solche Merkmale lie- 
gen, die es nicht zweifelhaft liessen, ob sie von einem pflanz- 
lichen oder thierischen Organismus ausgingen. Man kann 
wirklich sagen, Anatomen, Chemiker und Physiologen haben 
mit vereinten Kräften Pflanzen und Thiere auf die Folter ge- 
spannt, um sich eine bestimmte Antwort auf diese Frage zu 
erzwingen. Allein was war die Folge? Während man mit 
allem Scharfsinn die einmal bestimmten Grenzen festzuhalten 
suchte, geschah durch Entdeckungen, sowohl von Seite der 
Chemiker als der Physiologen, ein Einbruch um den andern 
in die gegenüber stehenden Gebiete, so dass man gegenwärtig 
in der Lösung des Problems um keinen Schritt weiter gekom- 
men ist. Es stellte sich vielmehr heraus, dass jeder Versuch 
der Art ein Kriegszug in einem Nebellande ist, wo sich beide 
Parteien nicht bloss gegenseitig, sondern auch unter einander 
aufreiben. Lassen Sie mich daher, meine Leser, nicht Theil 
nehmen an diesem unerquicklichen, fruchtlosen Streite, son- 
dern vielmehr von sicherem Porte aus diesen Kämpfen zu- 
sehen, und vielleicht eben daraus Massregeln entnehmen, wie 
die widerstreitenden Ansichten zu vereinigen wären. 


Bei Schlichtung jedes Zankes, bei Lösung jedes Proble- 
mes kommt es darauf an, die Fragen so einfach wie möglich 
zu fassen, jede die Aufmerksamkeit vertheilende Complikation 
zu vermeiden und den Gegenstand so nackt als es geht hin- 
zustellen. Um dies auf unsern Fall anzuwenden, werden wir 
klug thun, die Pflanze nicht als fertiges ausgebildetes Wesen 
dem fertigen vollendeten Thiere gegenüber zu stellen, eben so 
wenig in den noch complizirteren Lebenskreisen beider An- 
knüpfungspunkte zu suchen. Wir werden dem Ziele unstrei- 
tig näher rücken, wenn wir uns in das Gebiet der Elementar- 
theile begeben, und diese etwas näher prüfen. 

Wie wir bereits schon aus dem Vorhergehenden über die 
Pflanzenzelle unterrichtet sind, so ist sie es, welche alle Theile 
der Pflanze bildet, alle Organe zusammensetzt und den gan- 
zen Betrieb der Lebensökonomie der Pflanze regelt. Die Zelle 
ist, wie wir bereits mehrmals darauf hinwiesen, das Fakto- 
tum, ohne dem die Existenz der Pflanze unmöglich wäre. Die 
Zelle ist aber zugleich noch mehr, wenn wir von dem Indivi- 
duum absehen. Sie ist in der Fortpflanzung der Gewächse 
das Band, das ein Individuum an das andere kettet, und also 
das Leben der Gattung ermöglichet, sie ist aber ohne Zweifel 
zuletzt auch jener Proteus, der über die Gattung hinaus die 
höhere Gliederung des Pflanzenreiches in Geschlechter, Fa- 
milien, Ordnungen u. s. w. vermittelt. Mit einem Worte, die 
Zelle ist nicht blos der Ausgangspunkt jedes individuellen 
Lebens der Pflanze, sie ist auch zugleich der Ausgangspunkt 
des Lebens der Gattung und aller höherer Einheiten, ja sie 
ist in der letzten Instanz gewiss auch der Ausgangspunkt 


des Pflanzenreiches selbst, und sohin auch der Pflanzennatur. 


151 


In der Zelle also, und in nichts anderem, ist die Conzentra- 
tion des gesammten Wesens der Pflanze zu suchen. 

Bisher haben wir nur einen flüchtigen Blick in die Natur 
und Einrichtung der Zelle gethan. Es lohnt sich nun wohl 
noch der Mühe, etwas tiefer in das Heiligthum des Bereiches 
einer so ungeheueren Wesenreihe einzugehen. 

Die Zelle ist ein Bläschen für ein gewöhnliches Auge un- 
kenntlich. Wenn wir dasselbe aber wenigstens 300 bis 400 
Mal vergrössern, so finden wir an ihm nicht blos einen von 
der starren Begrenzung verschiedenen flüssigen Inhalt, nicht 
blos Bildungen, die nach Innen und Aussen abgesetzt werden, 
und dadurch zu ihrer anatomischen sowohl, als chemischen 
Verschiedenheit beitragen, sondern wir sehen unter günstigen 
Verhältnissen zum Theil das Getriebe dieser kleinen Wirth- 
schaft selbst. 

Betrachtet man die unverletzte Zelle noch in ihrer vollen 
Wirksamkeit, wie sie in ihrer Jugend erscheint, so ist ZWI- 
schen Inhalt und Grenze noch kein Unterschied zu gewahren; 
im Inhalte selbst aber scheint sich gar bald ein Lebensmittel- 
punkt in Form eines winzigen Bläschens hervorzubilden. Die- 
ses Bläschen, Zellkern genannt, bringt aber gleich bei seiner 
Entstehung eine merkwürdige Scheidung des halbflüssigen In- 
halts hervor. Es trennt sich nämlich eine zähe, flüssige, kör- 
nige Substanz von der übrigen, die mehr wässeriger Natur 
erscheint. Jene, Protoplasma genannt, sammelt sich sowohl 
um den Lebensmittelpunkt als an der Peripherie, und. setzt 
überdies Beide durch viele radienartige einfache und verzweigte 
Fäden mit einander in Verbindung. 

Es ist ein entzückendes Schauspiel in der so weit fertigen 
Zelle das Treiben und Wogen dieses Lebenssaftes vom Mit- 


152 


Fig. 38. telpunkte zur Peripherie und umgekehrt zu be- 
obachten (?®). 

Die mannigfaltigsten Bewegungen, selbst 
die entgegengesetzten Richtungen, werden hart 
an einander in denselben Strömungsfäden wahr- 


genommen. Alles rührt sich, Alles bewegt 


sich in diesem Protoplasma, indess der übrige 
Theil bewegungslos verharret, und nur hie und da in den 
Strom mit hineingerissen wird. Keine pulsirende Ader be- 
wegt diese Ströme, kein Pumpwerk treibt sie vom Mittel- 
punkte der Zelle weg und wieder zurück. Diese merkwürdige 
Substanz, dieses sich selbst bewegende Rad ist eine Pro- 
teinsubstanz, enthält also dieselbe Stickstoffverbindung, wie 
sie in jedem Thiere vorkommt. 

In manchen Fällen (so weit unsere bisherigen Erfahrun- 
gen reichen, nur bei niederen Pflanzen) geht die Ausbildung 
jenes Protoplasma an der äusseren Grenze noch weiter. 

Nicht ein blosses Bewegen der flüssigen Masse, sondern 
ein Hervorbilden von fadenförmigen halbfesten Fortsätzen, 
welche noch andere Bewegungen als die des Kreislaufes aus- 
zuführen im Stande sind, gehen vor sich. Werden dergleichen 
Zellen durch Oeffnung der Mutterzellen, in welchen sie sich 
gebildet haben, frei, so führen sie auch von dieser ganz unab- 
hängige Bewegungen aus, und sind sie im Wasser, schwim- 
men sie auch frei in demselben herum (3). Die Wimperfäden an 
ihrer Oberfläche dienen ihnen dabei eben so zu Ruderwerkzeu- 
gen, wie die Cilien und Haare den Infusorien. Weder die Form 
noch die chemische Beschaffenheit, noch das Contraktionsver- 
mögen, ohne dem ja jene Wimper- oder Flimmerbewegung un- 


denkbar wäre, unterscheiden diese Pflanzenzellen von ähnli- 


chen Thierformen, ja 
selbst Pigmentstellen 
scheinen als Andeu- 
tungen von Licht em- 
pfindenden Organen 
sie mit denselben nur 
um so enger zu ver- 
binden. 

Allein dieserSchwung 
des Lebens findet in 
der Pflanzenzelle bald 
sein Ende, bei den be- 
wimperten schwärmen- 
den Zellen früher als 
bei den übrigen. Nach 
kurzer Zeit schon zie- 
hen sich diese Fühlhör- 
ner, mit denen sie tie- 
fer in die äussere Welt 
als mit der Wurzel ein- 
zudringen sucht, wie- 
der ein; die Zelle wird 
wieder glatt und es 


scheidet sich bald auf (” 


ihrer Oberfläche Zell- 
stoff ab, der die Ein- 
kerkerung derselben 


vollkommen macht. 


Fig. 39. 


Fig. 39. A Eine junge wenige Tage alte Pflanze von Vaucheria clavata 
Agdh. im Zustande der Fruchtreife, d. i. nahe daran, ihre erste Keimzelle 
auszustossen. 3 die Keimzelle, nachdem sie den Mutterschlauch verliess, 


154 


Zwar dauert das lustige Spiel der Bewegungen auch un- 
ter der starren Hülle der Zellmembran noch durch kürzere 
oder längere Zeit fort, und es geht vorzüglich um diese Zeit 
durch Bildung neuer Lebensmittelpunkte die Fortpflanzung 
der Zelle vor sich, allein bald erlöscht auch dieses Flämm- 
chen und die siegreichen Kräfte der Massenanziehung, der 
Affinität u. s. w. ziehen die Zelle nach und nach in das Reich 
der anorganischen Welt herab. 

Nur wenigen Zellen im Pflanzenleibe scheint es indessen 
vorbehalten zu sein, diese kräftige Lebensregung, wenn auch 
nicht für die ganze Dauer, so doch wenigstens für einige Zeit- 
momente zur Schau zu tragen. Es sind die Fortpflanzungs- 
zellen. Während alle Dauerzellen nur in der Bewegung ihrer 
Säfte ihre höhere Natur zu offenbaren im Stande sind, spren- 
gen die Fortpflanzungszellen alle Bande und geben sich, wenn 
auch nur auf Momente, der freiesten Bewegung hin. 

In einigen Reihen des Gewächsreiches, wo, wie wir sa- 
hen, der Geschlechtsdualismus noch nicht ausgebildet erscheint, 
werden dergleichen Fortpflanzungszellen zu Schwärmzellen, 
in anderen Reihen gelangt zwar die eine Fortpflanzungszelle 
nicht zu solcher Freiheit, desto ungezügelter bewegt sich aber 
die zweite in die Länge gestreckt als Samenfaden (*°), deren 
Bewegungen noch lange nicht in ihrem Zusammenhange mit 
der Befruchtung erkannt sind. Im Mittelpunkte des Gewächs- 
reiches endlich, wohin alle höher entwickelten Pflanzen gehö- 


ren, ist diese ursprüngliche Lebensrichtung unter dem Panzer 


frei herumschwimmend. Die äusserst feinen wimperförmigen Fortsetzun- 
gen der Haut, durch deren Schwingungen die Bewegung hervorgebracht 
wird, sind in © über 1000mal vergrössert dargestellt. Man sieht, dass 
dieselben von gleicher Grösse sind, und die ganze Oberfläche der eiför- 
migen Zelle bedecken. D Eine Gruppe junger keimender Pflänzchen der- 
selben Art bei schwacher Vergrösserung. 


155 


der Zellhaut fast ganz erstickt und 
unkenntlich geworden. Wenn diese hö- 
here Lebensrichtung der Zelle, wie 
wir sehen, eine so durchgreifende Er- 
scheinung im Reiche der sprossenden 
Wesen ist, aber in so ungleicher In- 
tensität erscheint, so kann man wohl 


sagen, dass die Ausbildung der Pflanze 


mehr von einer freieren Natur ab- 
als hinzuführt, und in so ferne sind sich Pflanzen - und Thier- 
organismus widerstrebende, sich von einander entfernende 

Aeusserungen eines allgemeinen Naturlebens. Sie sind aber 

eben so gewiss im Ursprunge gleich, als gerade hier alle 

Grenzen verschwimmen und der eine in den anderen übergeht. 
Der Schlüssel zu dem Geheimnisse des Pflanzenlebens liegt 

somit offenbar in dem ursprünglich gleichen Lebensgrunde der 
Thier- und Pflanzenwelt, aus dem zwar Beide entsprossen, 
aber sich nach verschiedenen Richtungen abzweigen. 

Die thierische Natur ist in der Pflanze gleichsam gefan- 
gen genommen und diese Verkerkerung spricht sich in all’ 
ihrem Sein, in ihrer Bildung und Beziehung zur Thierwelt 
aus. Es sind die Thränen der Kypris, das Blut des schön- 
sten Jünglings, die in Form und Farbe der Blume uns Weh- 
muth zuflüstern. Die klagende Dryade drückt die ganze Seele 
der Pflanze aus. — 

Fig. 40. A Ein Samenfaden von Asplenium septentrionale von der Mutter- 
zelle, in der er entstanden ist, befreit, sich im Wasser mit Hülfe der 
Wimperfäden rascher bewegend. Die Vergrösserung beträgt das 1200- 
fache der natürlichen Grösse. B Drei Samenfäden von Equisetum arvense 
in verschiedenen Lagen, gleichfalls von der Mutterzelle frei. Die Ver- 


grösserung beträgt nur 500. C© Ein Samenfaden eben der Mutterzelle 
entschlüpfend, von derselben Pflanze. (Nach W. Hofmeister). 


156 


So erreicht die Pflanze ihre Weltbestimmung in melan- 


cholischer Verschlossenheit. Aber derselbe gefesselte, schlum- 
mernde Weltgeist, der hier kaum zu athmen wagt, ist es, der 
im Thiere die Bande auf immer sprengt, und endlich im 


Menschen sein Halleluja singt. 


ipiess, Carl, gründliche kurzgefasste Anleitung zur Obstbaumzucht in 
Gärten und auf freiem Felde. Für Freunde der Obstkultur verfasst. 
er. 12. 1848. br. 40 kr. — 15 'Ngr. 


pper, C. L., medieinisch - pharmaceutische Botanik oder Beschreibung 
‘ und Abbildung sämmtlicher in der neuesten k. k. österreich. Landes- 
Pharmacopöe vom Jahre 1836 ausgeführten Arzneipflanzen; in natur- 
historischer, phytographischer , pharmacognostischer und pharmacody- 


namischer Beziehung, mit besonderer Rücksicht auf die botanisch-, 


pharmaceutischen Synonyme und Verfälschung oder Verwechslung der 
abgehandelten Arzneistoffe. Mit ganz getreu gezeichneten und fein 
colorirten Abbildungen. Zum Gebrauche für angehende und aus- 
übende Aerzte und Pharmaceuten. 1.u. 2. Band. gr. 4. 1841—1842. 
brosch. 30 fl..—- 20 Rih: 


3er, Fr., Exantheme der Pflanzen und einige mit diesen verwandte 
Krankheiten der Gewächse, pathogenetisch und nosographisch darge- 
tellt. Mit 7 Kupfertafein. gr. 8.1833. Mit schwarzen Kupf. 3 fl. — 2 Rth. 


Mit ıllum. Kupfer. br. 3 fl. 45 kr. — 2 Rth. 15 Neger. 
- Grundzüge der Anatomie und Physiologie der Pflanzen. gr. 8. 
‘346. 2° fl. — 1’ Bth, S157 Ne 


„ L. G. v., Anleitung zum gründlichen Studium der Botanik. Mit 
einer Uebersicht über den Bau naturhistorischer Klassifikationssysteme, 
einer Kritik des Jussieu’schen und den Grundzügen eines neuen na- 
türlichen Systems. gr. 8. 1818. 2 fl. 12 kr. — ı Rth. 22 Ngr. 


Druck von Carl Gerold & Sohn. 
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New York Botanical Garden Library 


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